Heft 
(1894) 81
Seite
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Deutsche Rundschau.

gegriffene und ausgeführte Gegensatz zwischen dem Hinter- und dem Vorderhause in einer neuen Beleuchtung. Das Haus Winkelmann tritt uns in drei Personen entgegen. Der alte Winkelmann ist der hartgesottene kaufmännische Egoismus; sein Rheumatismus und seine Gicht machen ihn noch gröber, mißtrauischer und eigen­williger, als er schon von Natur ist; sein Sohn Max, ein gutmüthiger, nicht un­begabter Mensch, verkümmert unter dem Druck des Vaters zu einem blöden, täppischen Gesellen, der keinen Willen hat und kein Wort zu sagen weiß; Keßler, der Reisende des Hauses, ist der richtige moderne Macher, schneidig, fix, lebenslustig und gewissenlos. Ihnen allen macht sich Rost unentbehrlich; der Alte nutzt ihr Talent für sein Geschäft aus und findet in ihr die beste Krankenpflegerin, der Junge verliebt sich in sie, und Keßler dient sie halb ahnungslos zum Liebesboten zwischen ihm und ihrer Schwester Else. Die Spannung der Fabel entspringt aus dem wunderlichen Einfall des alten Winkelmann, seinen Sohn Max mit Else Hergentheim zu verheirathen. Max traut sich nicht Nein! zu sagen, und Else willigt natürlich, da es eine reiche Partie gilt, ein, obgleich ihr Herz noch immer Keßler gehört. Bei einer Zusammenkunft, die sie ihm im Hanse ihrer Mutter gewährt, wird sie von ihrem Bräutigam überrascht, und nun muß Rost, die zugegen war, aber von einigen Gläsern Champagner in den Schlaf gelullt wurde, für die Schwester sich opfern und erklären, der Besuch Keßler's hätte ihr gegolten. Zuletzt nach vielen Thränen, Lügen und Wahrheiten hin und her, entdeckt Max nicht nur sein Herz, sondern findet auch den Muth, dem Vater die Stirn zu bieten. Alles klärt sich aus und gelangt zu einem befriedigenden Ausgang. Gegenüber dem freien und kühnen, wenn auch gewaltsamen Wurf derEhre" und derHeimath" hat der Ausbau derSchmetterlingsschlacht" etwas Verzwicktes und Künstliches. Nur mühsam kommt die Handlung in den zwei ersten Acten in Bewegung, wird im dritten durch allerlei Episoden und Nebenfiguren aufgehalten und spinnt sich im vierten, wo eine einzige Scene zwischen Max und Rosi zur Aufklärung des kindischen Lügenspiels genügte, schleppend ab. In der Charakteristik der Figuren zeigt sich die scharfe Beobachtung des Dichters und die photographisch treue Wiedergabe

dessen, was er gesehen, diese Gestalten leben und gehören der unmittelbaren Wirklich­keit an, es sind Typen aus dem kleinen Bürgerstande der Hauptstadt, aber mit Ausnahme Keßler's hat keine einzige einen drolligen, humoristischen oder komischen Zug. Das Grau in Grau, wie sich das Stück in den Ausführungen des Lessing- Theaters zeigte, hat schwerlich in der Absicht Sudermann's gelegen; aber von den frischen und glänzenden Farben, in denen sich die Phantasie eine Schmetterlings­schlacht ausmalt, kann man auch nur wenig entdecken. Einzig von Rost's Wesen geht Sonnenschein aus, und trotzdem verstrickt der Dichter auch dies liebenswürdige Geschöpf in die allgemeine Lügenhaftigkeit und Erbärmlichkeit. Als Studie zu einem Schauspiele interessant, in seinem ersten Act vielversprechend, hinterläßt die

Schmetterlingsschlacht" als Ganzes einen unbehaglichen Eindruck, eine getheilte

Stimmung. Man ist weder zum Lachen noch zum Weinen gekommen, man erkennt billig daS Charakteristische der Arbeit an und hat doch die Ueberzeugung, daß sich der Dichter im Stoffe wie in der Durchführung vergriffen habe und nicht der Mann sei, Schmetterlinge zu sangen.

Bei all' ihren Mängeln war dieKomödie" indessen tiefer und gedankenvoller, als Felix Philippi's DramaWohlthäter der Menschheit", das einen großen Erfolg bei seiner ersten Ausführung hatte, wegen des Actuellen und Sen­sationellen der Fabel. Die Zuschauer dachten bei dem kranken Fürsten, der hinter der Scene an der falschen Diagnose und Behandlung seines Leibarztes stirbt, an Kaiser Friedrich, und sahen in dem zweiten Arzt, der die Wahrheit enthüllt, innerlich

und äußerlich das getreue Abbild des Professors Schweninger. Der Conflict zwischen den beiden Aerzten wird dadurch noch verschärft, daß der jüngere der Schwiegersohn des Leibmedicus ist. Daß ein Arzt die Falschheit seiner Diagnose nicht eingestehen will, auch wenn er des Besseren überzeugt wird, mag zugegeben werden; daß er die