Heft 
(1894) 81
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Die Berliner Theater.

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falsche Behandlung feines Kranken, nachdem er feine eigene Ansicht von dem Wesen der Krankheit geändert hat, noch weiter fortfetzt und den Patienten dadurch tödtet, ist schon eine stärkere Zumuthung; daß er aber zuletzt noch mit dem Titel Excellenz belohnt wird und der unversöhnliche Gegensatz zwischen ihm und seinen Schwieger­sohn in leere Lust verpufft, als wären die beiden ersten Acte nur da gewesen, um das Publicum an der Nase zu führen, schlägt dem Fasse den Boden ein. Eine solche Unnatur und Unwahrscheinlichkeit im Reiche der Dichtung konnte sich aus die Dauer dem Publicum gegenüber trotz der Blendwerke und der in allen äußer­lichen Dingen geschickten Technik des Schauspiels nicht halten. Nach wenigen Vor­stellungen verschwand es von der Bühne. Felix Philippi hat eine derbe Hand zum Zugreisen, einen richtigen Blick zum Erfassen eines dramatischen Stoffes, aber er ist nicht Künstler genug, ihn zu vertiefen und zu beseelen oder die groben Mittel, die ihm einen Effect zu verbürgen scheinen, zu verschmähen.

Nicht glücklicher als er traf es Max Nord au mit seinem DramaDie Kugel". Wie Philippi, will auch Nordau das moderne Leben gleichsam an einer seiner Wurzeln fassen, aber die Sucht nach dem Paradoxen, die seinen bekannten und vielgelesenen Büchern über diekonventionellen Lügen" und dieEntartung" unseres Jahr­hunderts anhastet, hindert ihn, der Bescheidenheit der Natur und der Wirklichkeit treu zu bleiben. Er muß Alles aus die Spitze treiben, wo die Wahrheit in ihr Gegentheil und das Tragische in das Lächerliche umschlägt. Sein Advokat, der junge Fritz Sickart, ist in der Hauptstadt durch glänzende Vertheidigungen ein berühmter Mann geworden, eben jetzt hat er der Frau Gerda von Döbbelin den Ehescheidungsproceß, den sie gegen ihren unwürdigen Gatten angestrengt hat, ge­wonnen, ihr Vermögen und ihr Kind ihr gerettet. Dennoch fühlt er sich elend wie ein Galeerensträfling, der die Kugel nachschleppt. Diese Kugel ist für ihn seine niedere Herkunft; er fühlt sich durch die Thatsache gedemüthigt, daß er der Sohn eines Kutschers und einer Köchin ist, die gemeinsam im Dienste einer adligen Familie standen. Die gnädige Frau hat den talentvollen Knaben erziehen und studiren lassen. Zum Glück für den eitlen Narren und Streber ist ihm der Vater gestorben, aber die Mutter lebt zu seiner Qual bei ihm und führt ihm die Wirtschaft. Eine vortreffliche alte Frau, die in ihrer Beschränktheit und in der Unfähigkeit, aus den Gewohnheiten ihres früheren Standes herauszuwachsen, dem Sohne beständig das Schreckbild seiner Herkunft vor Augen hält und seine Eitelkeit schmerzlich verwundet. Er beschließt darum, sich von ihr zu trennen, und miethet ihr in einer Vorstadt eine kleine Wohnung. Um rasch zu Vermögen zu kommen, trägt er seiner Clientin Herz und Hand an und bezaubert die reiche Dame mit seiner stürmischen Beredtsamkeit und klug gespielten Leidenschaft so rasch, daß sie trotz des Einspruchs ihres Bruders ihm ihr Jawort schenkt und die Verwaltung ihres Vermögens anvertraut. Der saubere Patron hat aber in der Heimath eine verlassene Geliebte mit ihrem Kinde sitzen lassen, die jetzt bei seiner Mutter eine Zuflucht findet. Zwischen ihm und den beiden Frauen gibt es die peinlichsten Scenen. Die Kosten seiner Wahl zu bestreiten, hat er das Vermögen seiner Braut angegriffen, und als er zur Rechen­schaft gezogen wird, sucht er vergebens bei Wucherern und im Spiel Hülse. Er wäre ohne Rettung dem Staatsanwalt verfallen, wenn nicht die Mutter bei dem Bruder der Frau von Döbbelin für ihn einträte und durch ihre Gradheit, Recht­schaffenheit und Schlichtheit Alles zum Guten wendete. Sickart geht in sich und bereut, in Amerika wird er ein guter Sohn, Gatte und Vater werden. Dieser sentimentale Schluß schlägt der Handlung der ersten Acte und dem so schroff und theatralisch betonten Strebercharakter des Helden in das Gesicht. Erschien uns seine Schrulle, seine Abkunst von kleinen Leuten zu verfluchen, halbwegs als eine roman­tische Narrheit, so wird er in der Gestalt des verlorenen Sohnes mit dem armen Sündergesicht vollends lächerlich. Der Größenwahnsinn, der in einen moralischen Katzenjammer ausläust, wirkt von der Bühne herab noch widerlicher, als in der Wirklichkeit. Wie in seinen Büchern ist Max Nordau auch in den beiden Stücken: