441
Deutsche Rundschau.
„Das Recht zu lieben" und „Die Kugel" der Mann der Thesen und des Apriori. Er will gegen das moderne Streberthum zu Felde ziehen und seine Nichtswürdigkeit und Nichtigkeit beweisen und erfindet sich dasür die nöthigen Figuren und Vorsälle. Aber er holt sie nicht vom Markte des Lebens, sondern aus seinem klugen Kopfe. Darum fehlt auch seiner Bühnensprache die Frische und Unmittelbarkeit; auf den ursprünglichem Stamm einer moralisch-philosophischen Abhandlung ist das Pfropfreis der Theaterrhetorik Pistol's geimpft.
Der Spielplan des Berliner Theaters hat durch den neuen Director, wie es vorauszusehen war, eine Verschiebung von den classischen und historischen Stücken, die Barnay bevorzugte, nach dem modernen Schauspiel erfahren. Wie früher im Lessing-Theater, erlebt jetzt Sudermann's „Heimath" im Berliner Theater Ausführung um Ausführung. Anzengruber mit dem „Pfarrer von Kirchfeld" und Ibsen mit den „Stützen der Gesellschaft" werden hier heimisch, Paul Lindan's „Erfolg" ist aus dem Schauspielhause hierher übergesiedelt. Das einzige neue Stück, das der früheren, mit Vorliebe gepflegten Richtung entspricht, ist das Trauerspiel Arthur Fitger's „Die Hexe", das am Sonnabend, den 20. October in Scene ging. Fitger's romantisches Drama ist durch die Meininger bekannt geworden. Seine Sprache hat zuweilen rhetorische Verschwommenheit, seine Handlung einen Zug ins phantastisch Blaue, aber die Gegensätze zwischen Wissenschaft und Aberglauben, zwischen der Dumpfglänbigkeit der Fanatiker, mögen sie nun dem evangelischen oder dem katholischen Bekenntniß angehören, und der Freigeisterei einer eigenartigen mächtigen Persönlichkeit, der Widerstreit zwischen Pflicht und Liebe in der Seele eines wackern Mannes, der sich vor Jahren der älteren Schwester verlobt hat und, nun heimkehrend, dem Zauber der jüngeren erliegt, die Gegenüberstellung dieser beiden Schwestern, der Localton der Zeit, unmittelbar nach dem Westfälischen Friedensschluß — das Alles ist so lebendig und wahr empfunden, erfaßt und geschildert, daß „Die Hexe" trotz ihrer altmodischen Romantik zu den wirksamsten und gelungensten Volksdramen aus unserer Geschichte gehört.
Sie mit Ger hart Haupt mann's Schauspiel „Die Weber", die jetzt aus der Bühne des Deutschen Theaters aus dem Polizeiverbot eine lärmende Auferstehung feiern, vergleichen zu wollen, ist unstatthaft. Arthur Fitger stellt, so weit seine Kraft dazu ausreicht, eine abgeschlossene Vergangenheit dar, Gerhart Hauptmann weist mit dem unhistorischen Siege seiner aufständischen Weber über die Soldaten in die Zukunft hinein. Er hat es mit den socialen Ideen, Fitger mit Menschen von Fleisch und Blut zu thun. „Die Hexe" ist in ihrer Art ein abgerundetes Kunstwerk, „Die Weber" sind eine lose Aneinanderreihung von Scenen aus dem Elend und dem Aufruhr der schlesischen Weber im Jahre 1844. In der Fülle der austretenden Personen verschwindet dem Zuschauer jedes Interesse für die einzelnen. Das Massenelend erweckt sein Mitleid, die nichtswürdige Zerstörungswuth der Aufrührer seinen Unwillen. Ohne daß der Dichter ersichtlich Partei für die Empörung ergreift, fühlt man den heißen, demagogischen Athem, der aus dem Stücke strömt. Es ist die Revolution auf der Bühne, die sich vor uns abspielt, um so mächtiger, weil in diesem Gewühl austretender und wieder verschwindender Figuren die Persönlichkeit ganz zurücktritt und nur der unwiderstehliche vorwärtstreibende Drang der Idee das Ganze beseelt und bewegt. Gewiß ist das Stück kein Drama, da ihm der Held und die Schuld, die Verwicklung und die Katastrophe fehlen; was uns der Dichter gibt, sind einzelne Scenen, mit charakteristischer Kraft und demagogischem Ungestüm ausgesührt. Der Director Otto Brahm betrachtet mit Recht die Einrichtung und den Erfolg dieses socialen Schauspiels, in dem die Zerstörung eines Hauses, als Vorbild des großen revolutionären Krachs, mit besonderer Virtuosität dargestellt wird, als einen Triumph der realistischen Bühnenkunst.
Um uns aber nicht ganz unter diesem Eindruck, der die Einen aufregte, die Anderen peinlich berührte und Niemanden befriedigte und erhob, zu lassen, wurde uns am Dienstag, den 16. October in Ludwig Fulda's Lustspiel in drei Acten