Heft 
(1894) 81
Seite
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Die Berliner Theater.

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Die Kameraden" eine leichtere und schmackhaftere Kost geboten. Vielleicht gar zu leicht und dünn, denn der satirische Grundgedanke des Stückes gelangt, bei der milden und versöhnlichen Anschauung des Dichters, nicht zum schärfsten Aus­druck, sondern verflüchtigt sich in leere Allgemeinheiten und hohle Redensarten. Thekla, die Frau eines wohlhabenden und heiteren Teppichfabrikanten Hildebrand, glaubt in dem Schriftsteller Egon Wulff, der in Pessimismus, freier Liebe, in Größen­wahn und der Umwerthung aller Werthe arbeitet, den geist- und seelenverwandten Kameraden für das Leben gesunden zu haben. Ihr Gatte in seiner hausbackenen Gemüth- lichkeit und Gutmüthigkeit ist ihr in ihrer Verstiegenheit längst gleichgültig geworden. Egon Wulff sucht ein Liebesverhältniß mit der hübschen und reichen Frau anzu­knüpfen und beredet sie, um ihre Freiheit und Selbständigkeit zu beweisen, das Haus ihres Mannes zu verlassen und eine Damenpension zu beziehen. Mit einem köstlichenZuge weiß Fulda das echt moderne Wesen Thekla's zu schildern: bei ihrem Eintritt in die Pension bittet sie um eine halbe Flasche Champagner und eine Schachtel mit Sulsonalpulvern. Während sie in ihrer neuen Wohnung ihrenKameraden" täglich empfängt und sinnlich unsinnliche Gespräche über das Weltelend und das Weib führt, schlägt sie ihrem Gatten, der in seiner Harmlosigkeit zuerst ihre Hand­lungsweise mehr von der komischen als von der tragischen Seite ansieht, die Thür vor der Nase zu. So knüpft sich ungezwungen zwischen ihm und der Vor­steherin der Pension die entgegengesetzte Kameradschaft der tüchtigen, einfachen und wahren Empfindung an. Gertrud ist die Tochter eines wunderlichen Architekten, der in seiner Erfindung des Zukunftsstiles still vergnüglich und immer frohgelaunt dahinlebt, obwohl Niemand ihm einen Ban anvertranen will. Als Volksschul­lehrerin und durch die Pension erwirbt die thätige und kluge Gertrud für ihn und sich des Lebens Nothdurft. Die Freundschaft zwischen Gertrud und Hildebrand wächst immer inniger zusammen und verwandelt sich beiden unbewußt in Liebe; die Kameradschaft zwischen Thekla und Wulff geräth mehr und mehr von seiner Seite in den Sumpf der Frivolität, von ihrer in den Dunst. Das Stück schließt mit der Scheidung Hildebrand's von seiner albernen Frau, mit der Aussicht auf seine glück­liche Ehe mit Gertrud und mit der Abreise Thekla's nach Monte Carlo: sie wird sich dort im Genuß des höchsten Luxus, inmitten einer herrlichen Natur, der Be­trachtung des Weltelends hingeben. Der Reiz der Komödie liegt in der gefällig und charakteristisch durchgesührten Gegenüberstellung der krankhaften Verbildung und der schlichten Tüchtigkeit echter Naturen, der wahren Sittlichkeit und der modernen Blasirtheit und Leichtfertigkeit. Schade, daß sich das Ganze in Hand­lung und Charakteristik so oberflächlich abspielt, der Dichter scheint in seinem Köcher nur abgestumpfte Pfeile zu haben. Aber das weitverbreitete giftige klebet der Gegenwart, dessen Vertreter Thekla und Wulfs sind, läßt sich mit Laune und drol­ligen Scherzen allein nicht bekämpfen.

Von besonderer Anregung für alle Theaterfreunde waren die französischen Vor­stellungen, die das 4 Le re libre des Herrn Antoine drei Wochen lang vom 15. October bis zum 4. November im Residenz-Theater gab. Das TbäLtre lidre in Paris ist unsererFreien Bühne" um zwei Jahre vorangegangen. Junge Kräfte und Begabungen, dichterische wie schauspielerische, die bei den bestehenden Bühnen keine Verwendung fanden, schlossen sich zu einer freien Vereinigung zu­sammen. Andre Antoine, ein geborenes schauspielerisches Talent, gab der Ver­bindung als Leiter, Regisseur und Darsteller Halt, Zusammenhang und Einheitlich­keit. Er erweiterte den engen nationalen Theaterhorizont der Franzosen durch die Aufführungen von Jbsen'schen und Hauptmann'schen Dramen. War der Erfolg zu­nächst auch nur gering, so hat Antoine doch das Verdienst, die Franzosen mit der fremden nordischen und deutschen Kunst bekannt gemacht zu haben. In Berlin haben er und seine Genossen die freundlichste Aufnahme gefunden. Nicht nur aus der Abgötterei, welche die Deutschen nun einmal mit allem Fremdländischen treiben, sondern weil ihre Leistungen der Anerkennung und des Lobes Werth waren. Origi-