Heft 
(1894) 81
Seite
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Deutsche Rundschau.

nale Talente besitzt die Gesellschaft mit Ausnahme Antoine's nicht: die Damen Dulac, Barny, Clem, die Herren Genier, Arquilliore und Etievant sind gute und brauchbare Mittelmäßigkeiten; die Stütze und Zierde jeder Vorstellung waren die bewegliche, erfinderische Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit Antoine's. Aber ließ die Durchführung des Einzelnen auch manchen Wunsch unbefriedigt, so war das Zusammenspiel, das Herausarbeiten der Gedanken und Absichten des Dichters, die Wiedergabe des Milieu um so vortrefflicher. Hier war etwas von der Einsicht und der Sorgfalt zu erkennen, die ihrer Zeit die Aufführungen der Meininger aus­zeichneten. Meiner Meinung nach würde das Gastspiel der französischen Gesellschaft noch bedeutender auf weitere Kreise gewirkt haben, wenn sie in ihrem Repertoire eine Beschränkung hätten eintreten lassen und sich mit der Vorführung von zwei oder drei Stücken begnügt hätten. Freilich wäre die schauspielerische Bedeutung Antoine's dabei nicht zur rechten Geltung gekommen. Künstlerisch Hervorragendes enthielten die ausgesührten Schauspiele nicht, allzu Widerliches und Rohes blieb uns erspart, selbst die peinlichen Hospitalscenen der8oeur lllülomole" traten für diejenigen, welche aus unsererFreien Bühne" die Leiden und Freuden der Familie Selike" und den Arzt aus Hauptmann's SchauspielVor Sonnen­aufgang" kennen gelernt hatten, in ein bescheidenes Halbdunkel zurück. Wie die deutschen, können auch die französischen Naturalisten einen Vergleich mit den nor­wegischen Dichtern nicht anshalten, an Originalität der Fabel wie an scharfer Charakteristik der Figuren zeigten sich ihnen Ibsen in denGespenstern" (Ws rsveuuiüs) und Björnson in demFallissement" (uns taillllk) den beiden Dramen, welche die französische Gesellschaft zur Ausführung brachte weit überlegen. Antoine spielte in dem ersten Stück den Oswald, in dem zweiten den Kaufmann Tjälde: beide Rollen mit vollendeter Lebenswahrheit. Aber dennoch muthete mich weder das eine noch das andere Drama nordisch an. Trotz der Sorgfalt der Jnscenirung und der Bemühung Aller, sich in die Eigenart der Dichter einzuleben, war die französische nationale Spielweise, das rasche Sprechen, die lebhafte Gebärdensprache mit der norwegischen Gemessenheit, Zurückhaltung und Verschlossenheit nicht recht in Einklang zu bringen. Das Innenleben dieser Gestalten war durch ihre Darsteller viel zu sehr in die äußerliche Pose und das südliche Pathos verkehrt. Von den französischen Stücken, die zur Ausführung gelangten, gefielen unserm Publicum besonders ein satirisches Lustspiel von Maurice BonisaceTante Leontine" und ein tragischer angehauchtes Schauspiel von Eugene BrieuxBlanchette". Tante Leontine wird wegen ihres leichtfertigen Lebenswandels in ihrer aus Anstand und bürgerliche Ehrenhaftigkeit haltenden Familie nicht mehr geduldet: sie ist todt für dieselbe. Als ihr Bruder aber Bankerott macht, die Tochter in Gefahr ist, von ihrem Verlobten, dem eine große Mitgift vorgeschwindelt worden ist, verlassen zu werden, tritt Tante Leontine als Retterin der Familie aus. Von einem verstorbenen Freund und Liebhaber hat sie ein großes Vermögen geerbt, und da sie sich willig zeigt, ihren verarmten Verwandten beizuspringen, begrüßen sie alle als Schutzengel der Familie. Der protzige Pharisäerhochmuth, der vor dem Gott Mammon demüthig ins Knie sinkt und allen Lastern durch die Finger sieht, wenn sie vergoldet sind, und die Gutmüthigkeit der Sünderin, welche die Kränkungen, die sie von den Verwandten erfahren, vergißt, so bald sie der helfenden Hand bedürfen, sind drastisch in einer kleinen, aber flott geführten Handlung einander gegenüber gestellt; aber einen tieferen Gehalt besitzt die Komödie nicht. Bedeutsamer ist Brieux' SchauspielBlanchette". Wegen ihrer Bleichsucht wird die Heldin Elise Rousset von ihren Eltern und ihrer Umgebung Blanchette genannt. Der Gegensatz zwischen den ungebildeten, braven, bescheidenen Alten und den halbgebildeten, hoch- müthigen und ehrgeizigen Jungen wird ergreifend an dem Schicksal Elisen's und ihrer Eltern geschildert. Der Vater Rousset hält in einer Provinzialstadt einen kleinen Ausschank von Kaffee, Wein und Cognac, die Mutter treibt daneben einen Gemüsekram. Ihre Tochter haben siestudiren" lassen: Elise hat das Lehrerinnen-