Heft 
(1894) 81
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Die Berliner Theater.

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examen bestanden und ihr Diplom von der Regierung erhalten. Aber da ihre An­stellung sich verzögert, bricht der Zwiespalt zwischen ihr und den Eltern unheilbar aus. Sie schämt sich der Alten, sie kann das Leben in der Schenke unter den kleinen Leuten nicht ertragen, der Vater sieht in ihr eine saule, eitle Mitesserin. Als er von ihr verlangt, daß sie die Gäste bedienen und Magdsdienste thun solle, verläßt sie das Haus. Hinter der Scene verlebt sie drei Jahre, von Stuse zu Stuse sollend; jetzt ist sie die wohlhabende und behäbige Geliebte des jungen Mannes, den sie in ihren phantastischen Träumen zu heirathen gedachte, und kehrt zurück, um den verarmten Eltern aus der Noth zu helfen. Aber der Alte weist ihr zum zweiten Male die Thür. Nach meinem Gefühl und Geschmack war diese Ausführung die gelungenste, das Stück das interessanteste, die uns das MWLirs lidrs darbot.

Auch sonst spielten französische Stücke, alte wie neue, eine große Rolle in dem Repertoire unserer Bühnen. Von Moliore erschienenDie Schule der Frauen" undDer Geizige", in der Bearbeitung von Ludwig Fulda, im Schauspiel­hause. Das Residenz-Theater machte eine geraume Weile gute Geschäfte mit Alexander Dumas' LustspielDemi-Monde", im Neuen Theater wechseltFigaro's Hochzeit" von Beaumarchais, in einer Bearbeitung von Ludwi g Fulda, mit Pailleron's KomödieOabotins!" ab. Das Stück ist eine Mischung aus einem politisch-literarischen Satyrspiel, in dem der unermüdlich schwatzende, über jeden Gegenstand mit gleicher Beredsamkeit sprechende, jeden Gegner durch rhetorische Gemeinplätze und die Kraft seiner Lungen niederdonnernde Journalist Pegomas die erste Geige führt, und einem sentimentalen Drama, das die endlich sieggekrönte Liebe eines jungen Bildhauers zu einem Mädchen ohne osfi- ciellen Vater schildert, ein mehr im Einzelnen geistvolles und witziges, als dra­matisch bewegtes und gelungenes Werk.

Carl Frenze l.