Der Bierboycott in Berlin.
Von
Friedrich Goldschmidt.
^Nachdruck untersagt.^
„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!" So klingt das stolze Wort seit dem internationalen Arbeitercongreß zu Paris 1889. Dort wurde bekanntlich beschlossen, den 1. Mai als Weltfeiertag der Arbeiterschaft zu begehen. Manchem wird noch in Erinnerung sein, mit welcher Spannung man dem 1. Mai 1890 entgegensah. Von einem Ruhen der Arbeit war damals allerdings nicht die Rede, und die socialdemokratischen Führer hatten selbst davon abgerathen. Der Anspruch auf diesen Arbeiterfeiertag aber ist nicht fallen gelassen worden, und im letzten Frühjahr versuchten es die in den Berliner Brauereien beschäftigten Böttcher, ihn zu verwirklichen. Sie glaubten, in dem Braugewerbe eine Stelle gefunden zu haben, wo man mit der Waffe des Verrufs, indem man die gesammte Production zahlreicher Betriebe in den Bann that, in die gegenwärtige Organisation der Industrie eine Bresche legen könnte. Die Waffe des Verruss läßt sich ja am leichtesten gebrauchen gegen einen Erwerbszweig, der auf den Consum der großen Masse angewiesen ist.
Was gibt dem gegenwärtigen Kampfe nun fein besonderes Gepräge? In den letzten Jahrzehnten haben Streitigkeiten, sei es um Erhöhung der Löhne, sei es um Verkürzung der Arbeitszeit oder um andere Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, in großer Zahl stattgefunden, aber sie haben sich beschränkt auf wirthschaft- liche Fragen und auf den engeren Kreis der Interessenten. Es geschieht zum ersten Mal in Deutschland, daß ein Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer stattfindet, der nicht unternommen ist, um die materielle Lage der Arbeiter zu heben, und daß in einen solchen Kampf eine politische Partei sich einmengt.
So klein auch das Terrain ist, auf dem der Kampf zwischen der Arbeiterschaft und den Berliner Brauereien sich abspielt — das Princip, um das gestritten wird, ist ein großes. Der Ausgang des Kampfes berührt wahrlich nicht die Berliner Brauereien mit ihrer verhältnißmäßig geringen Arbeiterzahl allein, er geht die gesammte deutsche Industrie an. Es handelt sich darum, ob die Grundlage der deutschen Industrie erschüttert werden soll, ob Diejenigen, deren Intelligenz und deren Kapital gewerbliche Unternehmungen begründet haben, die solche Unternehmungen besitzen oder zu ihren Leitern berufen sind, weiterhin die Leitung in den Betrieben behalten sollen, oder ob die Zeit gekommen ist, in der die Arbeiter, von „Genossen" geführt, die meist den Betrieben gänzlich fernstehen und in den seltensten Fällen Arbeiter sind, in den Fabriken schalten und walten können, wie sie wollen, und dort ihre eigenen Gesetze vorschreiben.