Heft 
(1894) 81
Seite
449
Einzelbild herunterladen

Der Bierbohcott in Berlin.

449

Diejenigen, welche außerhalb des Kampfes stehen und sich gewissermaßen nur aus allgemein menschlichem Interesse um seinen Verlaus kümmern, gehen vielfach von dem Gedanken aus, daß die Arbeiter den schwächeren Theil bilden, und daß die Macht und die Gewalt in den Händen der Arbeitgeber sich befinden, derKapi­talisten", derProtzen", wie derVorwärts" sich ausdrückt. Nichts ist unbe­gründeter, nichts irriger.

Sind denn wirklich die Arbeiter erst jetzt zu dem Versuche geschritten, das Machtverhältniß zu ändern und die Gleichberechtigung zu erringen? Sie sind recht­lich und thatsächlich im Besitz der Koalitionsfreiheit; die Schranken derselben sind 1869 gefallen, und zwar nachdem zehn Jahre lang diese Reform von Schulze- Delitzsch und seinen Freunden vorbereitet war. Die materielle Lage der Arbeiter hat sich dauernd verbessert, die Löhne sind überall erhöht, die Arbeitszeit ist überall eingeschränkt worden.

Am allerwenigsten haben die Brauer in den Berliner Betrieben Grund zur Klage.

Die erste nennenswerthe Bewegung der Brauer und der in Berliner Brauereien beschäftigten Arbeiter fand 1889 statt. Damals handelte es sich im wesentlichen darum, eine Gleichmäßigkeit der Löhne und der sonstigen Gestaltung des Arbeits­verhältnisses in den Brauereien zu erreichen. Während bis dahin in einzelnen Brauereibetrieben die Brauer einen Lohn erhielten von über 109 Mark, erhielten Andere nur 84 90, die Böttcher 96108 Mark monatlich, die ungelernten Arbeiter 1418 Mark wöchentlich. Die Arbeitszeit war in den verschiedenen Betrieben verschieden, auch war nicht überall gleichmäßig für gute und gesunde Schlasräume, für Badeeinrichtungen, für Kantinen, in denen die Gehülsen billige und gute Kost fanden, gesorgt. Die Forderungen wurden fast ausnahmslos bewilligt, und die Löhne steigerten sich z. B. für die Brauer aus 2628 Mark wöchentlich.

Der Friede, der damals geschlossen wurde, war aber nicht von langer Dauer. Schon im folgenden Jahre brach in dem Berliner Braugewerbe ein Strike aus, der wegen der allgemein geforderten großen Lohnsteigerung durchaus ernster Natur war, und der in Folge des schroffen Auftretens der Brauer, welche sich aus ihre Organisationen stützten, mit einem Schlage die bis dahin im großen und ganzen friedlichen Beziehungen zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern unterbrach. Im Sommer 1890 that sich jene Kluft aus, die sich durch die Vorgänge der letzten Vergangenheit immer mehr erweitert hat, und über die vorläufig eine Brücke nicht zu führen scheint. Allerdings muß hervorgehoben werden, daß nicht sämmt- liche Berliner Brauer sich ihren socialdemokratischen Kollegen angeschlossen haben. Ein Theil der Brauer stand und steht noch heute auf der Seite der Brauereien und lebt im friedlichsten Einvernehmen mit den Arbeitgebern. Die Löhne, die 1890 vereinbart wurden, und die heute in den Berliner Brauereien bezahlt werden, sind folgende: Für Brauer 30 Mark (Minimallohn), Böttcher 2730 Mark.

Maschinisten 2629 Mark (bei denjenigen Brauereien, in denen für diese Kategorie von Arbeitern die achtstündige Arbeitszeit eingeführt ist, in den meisten Fällen 25.3026 Mark), Schlosser 2628 Mark, Zimmerleute 2627 Mark, gewöhn­liche und ungelernte Arbeiter 1921 Mark. Die Arbeitszeit aller dieser Gehülsen beträgt täglich zehn Stunden, für die Böttcher 9 sto Stunden; die Ueberstunden werden besonders bezahlt. Die Arbeiter, die längere Zeit in einem und demselben Betriebe beschäftigt sind, haben säst überall eine vierzehntägige Kündigung H.

st In der größten hiesigen Brauerei beträgt die Arbeitszeit für sämmtliche Arbeiter 9Vs Stunden. Dieselbe Brauerei hat ihre Arbeiter von jedem Zwang zur Kündigung befreit, wahrend sie sich selbst allen Arbeitern, die länger als ein Jahr bei ihr sind, zu einer sieben­tägigen, bei länger als zwei Jahren zu einer vierzehntägigen, Lei länger als drei Jahren zu einer vierwöchentlichen Kündigungsfrist verpflichtet hat. L-ie gewährt ferner allen ihren Arbeit­nehmern, die länger als drei Jahre in ihrem Betriebe beschäftigt sind, eine Alterszulage von 100 Mark jährlich, eine Einrichtung, die auch bei einer anderen großen Brauerei jetzt nach- geahmt werden soll.

Deutschs Rundschau. XXI, 8.

29