Heft 
(1894) 81
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Ter Bierboycott in Berlin.

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sämmtlicher Brauereien Deputationen der hier beschäftigten Böttcher, um die Frei­gabe des folgenden Tages als Feiertag zu erbitten, in einzelnen Fällen direct zu fordern. Die von den Brauereileitern wohl überlegte Antwort lautete dahin, daß die Freigabe eines Tages in der Woche aus Gründen der ordnungsmäßigen Weiter­führung des Betriebes nicht gewährt werden könne. Diejenigen Böttchergesellen, welche eigenmächtig am folgenden Tage nicht zur Arbeit kämen, würden vor Ablauf der Woche nicht wieder beschäftigt werden, eventuell entlassen werden müssen. In einzelnen Fällen fügten sich die Böttcher, in anderen, und zwar in der Mehrzahl, blieben sie von der Arbeit fern und beschlossen, als ihnen am 2. Mai eröffnet wurde, daß sie nicht vor dem 7. Mai die Arbeit wieder ausnehmen dürsten, die Arbeit überhaupt einzustellen. Der 3. Mai Himmelfahrtstag wurde benutzt zu einer großen öffentlichen Versammlung, in welcher der Generalstrike sämmtlicher in Berlin beschäftigter Böttcher proclamirt wurde. Selbst diejenigen Böttcher, welche am 1. Mai gearbeitet hatten, mußten sich dem Beschlüsse fügen, und Mancher nahm mit feuchten Angen Abschied von der Stätte, an welcher er viele Jahre gearbeitet hatte. Die Forderungen aus Erhöhung der Löhne, aus kürzere Arbeitszeit, welche gleichzeitig erhoben wurden, waren bedeutungslos, denn in den meisten Betrieben waren sie längst erfüllt. Die Brauereien halsen sich schnell und leicht. In großer Zahl kamen Böttcher von außerhalb nach Berlin und stellten ihre Arbeit zur Ver­fügung. Ans dem Wege der Arbeitseinstellung war somit den Brauereien nicht beizukommen.

Die Sache gewann aber ein anderes Gesicht, als in der Umgebung von Berlin, in Rixdors, die dortigen Gewerkschaften die Sache der Böttcher zu ihrer eigenen machten. Am Sonntag, den 6. Mai, verhängten sie in einer großen Volksversamm­lung den Verruf über die Vereinsbrauerei zu Rixdors und brachten ihn schon an demselben Tage zur Ausführung.

Die vereinigten Brauereien empfanden die Gefahr, die mit dem Herausgreifen einer einzelnen Brauerei ihnen allen drohte, und beschlossen, da die Angelegenheit aus dem Kreis der Böttcher herausgetragen war und die gesummte Arbeiterorganisation für sie eintrat, auch ihrerseits für einander einzustehen. Für sie, für die Brauereien, galt es, solche Versuche, wie sie in Berlin, in Hamburg, in Magdeburg, in Braunschweig und anderswo bereits gemacht waren, mit Verrusserklärungen ihnen gewissermaßen das Messer aus die Brust zu setzen, ein für alle Mal zurückzuweisen, dem Angreifer zu zeigen, daß künftig bei jeder Boycottirung die Folgen aus die Urheber zurückfallen mußten. Es war nur ein Act der Nothwehr, wenn sie den Gewerkschaften zu Rixdors und der Commission der Berliner Gewerkschaften ankündigten, daß sie, falls der über die Rixdorser Brauerei verhängte Boycott nicht am 15. Mai in aller Form und öffentlich ansgehoben werde, am 16. Mai zehn bis zwanzig Procent ihrer sämmtlichen Arbeiter entlassen würden. Die Brauereien waren bei diesem ernsten Schritt von der Voraussetzung ansgegangen, daß die politischen und gewerkschaftlichen Führer der Arbeiter, ihren früheren Beschlüssen gemäß, den 1. Mai nicht unbedingt als Feiertag durchsetzen zu wollen, ihren ganzen Einfluß geltend machen würden, im Interesse der mit Entlassung bedrohten Arbeiter die Rixdorser Gewerkschaften zu bewegen, den über die dortige Brauerei verhängten Boycott wieder auszuheben. Diese Voraussetzung erfüllte sich leider nicht, die vereinigten Gewerkschaften lehnten jede Beeinflussung ab. Die angekündigte Entlassung fand daher am 16. Mai statt: 430 Leuten wurde die Arbeit entzogen H. Damit fanden die Berliner Gewerkschaften, welche bisher nur mit einer gewissen wohlwollenden Neutralität ihren Genossen zugeschaut hatten, den Anlaß, den Streit zwischen den Berliner Brauereien und ihren Arbeitern als Sache der politischen Partei zu behandeln. Ein Wuthschrei

>) Unter dieser Zahl befanden sich 300350, die durch die Natur des Betriebes in Folge des Schlusses der Mälzereien während des Sommers ohnedies vierzehn Tage später entlassen worden wären.

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