Heft 
(1894) 81
Seite
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Ter Bierboycott in Berlin.

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Nachweises zu verhandeln, sofern das Recht der Arbeitgeber anerkannt würde, die­jenigen Arbeiter zurückzuweisen, deren Anstellung ihnen nicht Zusage. Drittens erklärten sie, daß sie die Forderung, den 1. Mai als Arbeiterseiertag zu gewähren, ablehnen müßten.

Bereits der erste Punkt wurde sehr umstritten. Die Vertreter der Arbeiter verlangten die Wiedereinstellung aller entlassenen Arbeiter, ein Verlangen, aus welches die Brauereien unter keinen Umständen eingehen konnten. Man einigte sich nach langer und eingehender Debatte dahin, daß im Bedarfsfälle andere Arbeiter nicht eher eingestellt werden sollten, als bis die am 16. Mai entlassenen Gehüsten wieder Stellung gesunden hätten. Ausgenommen wurden nur die, welche sich gegen die Geschästsleitung vergangen hatten, und deren Namen den Vertretern der Arbeiter­schaft mitgetheilt werden sollten, damit sie an anderen Orten oder in anderen Jndustrieen untergebracht werden könnten. Die Zahl dieser letzteren wurde aus zwanzig bis dreißig angegeben. Ueber den Arbeitsnachweis wurde am ersten Tage eine Einigung nicht erzielt, da die Vertreter der Arbeiter glaubten, daß ihre Auftraggeber das Recht der Arbeitgeber, diejenigen Arbeiter zurückzuweisen, deren Anstellung ihnen nicht Zusage, nicht anerkennen würden. In einer späteren, nicht öffentlichen und in kleinem Kreise abgehaltenen Sitzung verständigte man sich aber doch dahin, daß den Arbeitgebern das Recht der freien Wahl zustehe, daß jedoch die Mitgliedschaft in einer gewerkschaftlichen oder politischen Organisation keinen Grund zur Ablehnung eines Arbeiters bilden dürfe. Die Nichtsreigabe des 1. Mai als eines Arbeiterseiertages, welche den ganzen Krieg entzündet hatte, bildete keinen Stein des Anstoßes mehr, da einer der Wortführer der Arbeiter ausdrücklich erklärte, daß an diesem Punkte die Verhandlungen nicht scheitern würden.

Man ging am 13. October an die Verhandlungen mit der festen Zuversicht, daß nunmehr jede Schwierigkeit beseitigt sei, und der ersehnte Friede geschlossen werde. Aber es kam anders. Schon als man in den Berathungssaal trat, bot sich das Bild einer gänzlich veränderten Situation, man wurde ein wenig an den Convent erinnert, wenn auch die Zuhörer keine active Rolle spielten. Man merkte, daß die am Abend vorher stattgehabte Volksversammlung, in welcher es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Arbeiterschaft und ihren Vertretern gekommen war, die Friedensstimmung vollständig verwandelt hatte. Während die Vertreter der Arbeiterschaft mit den Vertretern der Brauereien verhandelten, drang eine An­zahl ausgesperrter Arbeiter in den Saal ein, gleichsam um ihre Vertreter zu über­wachen und von jeder Nachgiebigkeit zurückzuhalten, obwohl ausdrücklich beschlossen war, daß die Verhandlung, wie das erste Mal, im engeren Kreise nur von wenigen Telegirten geführt werden sollte, und daß nur Vertreter der Presse zuzülassen seien. Der Abbruch der Verhandlungen erfolgte denn auch bald nach ihrem Beginne. Im Widerspruch mit ihren bisherigen Erklärungen und ihren früheren Ausführungen und wider alles Erwarten erklärten die Vertreter der Arbeiterschaft, daß, wenn 33 Arbeiter eine Zahl, die annähernd in den ersten Verhandlungen bereits genannt worden war aus Wiedereinstellung in den Brauereien verzichten müßten, der Friede unmöglich sei; ein Friede unter diesen Bedingungen sei ein ehrloser. Offenbar fürchteten die Führer für ihre Autorität, sagte doch der Abgeordnete Auer wörtlich:Wenn wir zustimmten, so würden wir in demselben Augenblicke für unsere ganze Lebenszeit politisch bankrott und Pleite sein und als Verräther an der Arbeiter­bewegung hinaus geworfen werden müssen." Vergebens wurde ihnen erwidert, sie seien ja einverstanden gewesen, daß diese dauernd von den Berliner Brauereien Ausgesperrten in anderen Gewerben versorgt werden sollen, und daß nunmehr die zehnfache Zahl von Arbeitern für lange Zeit brotlos bleiben müsse, Verdienstlos an der Schwelle des Winters; denn so lange der Bierverrus dauere und die Betriebe eingeschränkt seien, sei es den Brauereien auch mit dem besten Willen nicht möglich, die alte Zahl der Arbeiter wieder zu beschäftigen.