Heft 
(1894) 81
Seite
455
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Notizen über Madagaskar.

(Nachdruck untersagt.j

Nur 200 Seemerlen nach Osten von der südöstlichen Küste des afrikanischen Continents entfernt liegt Madagaskar, nächst Neuguinea, Borneo und Grön­land die größte Insel der Erde. Der neuerdings von der französischen Republik gegen den Hovastaat aus Madagaskar geplante Kriegszug hat dem Eiland im Indischen Ocean ein actuelles Interesse verliehen, das die nachfolgenden Zeilen vielleicht nicht unwillkommen erscheinen lassen wird.

Durch den ziemlich tiefen und reißenden Canal von Mosambique von der Küste Asrika's getrennt, erstreckt sich Madagaskar südlich des Aequators vom 12. bis zum 26. Breitengrade und vom 43. bis zum 51. Längengrade östlich von Greenwich. Während es also von Nord nach Süd eine Ausdehnung von 1600 Kilometern hat, beträgt der von West nach Ost gerechnete Durchmesser nur etwas über 500 Kilometer. Der Flächeninhalt umfaßt 591563 Quadratkilometer, ist mithin so groß wie derjenige Englands und Irlands zusammen. Die Küstenlinien verlausen im Allgemeinen ziemlich gerade, nur im Nordwesten finden sich sechs sjordartige Einschnitte, zu denen sich im Nordosten noch die geräumige Antongil- Bai gesellt. Sicherer Häsen gibt es nur fünf, nämlich Diego Suarez, Wohemar, Maroanzettra, Foulpoint und Tamatave; alles klebrige sind offene Rheden, die besonders an der Ostküste, der vorherrschenden, zum Theil stürmischen Südostwinde wegen, wenig Sicherheit bieten. Die westliche Küste Madagaskars, die vor stürmischen Winden geschützt liegt, ist an zahlreichen Stellen von ausgedehnten Korallenriffen eingefaßt. Aus der Ostküste kommen nur vereinzelte Korallen­bildungen vor, von denen die mächtigsten im Norden zwischen der Antongil-Bucht und Tamatave lagern. An ihnen konnten englische Naturforscher in der Nähe von Foulpoint (das madagassische Vulu-Vulu) ein ausfallend rasches Wachsen jener durch Korallenthiere erzeugten Riffbildungen direct beobachten.

Fünf größere Gebirgsketten durchziehen die Insel, deren größter Theil jedoch eben oder nur hügelig ist. Nach dem Innern zu liegt eine Depression, welche aus gewaltige vulcanische Actionen in früherer Zeit schließen läßt. Von diesen tieferen centralen Stellen steigen die Gebirgsmassen steil empor, während sie nach den Seeküsten zu allmälig und terrassenförmig abfallen. Nicht weniger als hundert erloschene Vulcane sind über den madagassischen Gebirgszügen zerstreut, von denen viele die mit erstarrten Lavaströmen bedeckten Krateröffnungen noch heute deutlich zeigen. Zwischen solchen öden vulcanischen Strecken liegen aber ausgedehnte Gebiete mit Gebirgslandschaften von höchst malerischem Reize, wo aus dem längst ver­witterten Lavaboden eine Vegetation von echt tropischer Beschaffenheit empor­gewachsen ist. Zeugen längst vergangener, der früheren Periode unseres Planeten ungehöriger Kräfte neben Schöpfungen unablässiger und mit jedem Tage sich erneu­ernder atmosphärischer Gewalten des Erdkörpers!

Offenbar hat die besonders reißende Strömung des Mosambique-Canals jede innige Berührung der Naturtypen des großen afrikanischen Continents mit denen der kleineren vorgelagerten Insel verhindert und dazu beigetragen, der Pflanzen- und Thierwelt Madagaskars ebenso wie den madagassischen Volksstämmen ein