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Deutsche Rundschau.
besonderes charakteristisches Gepräge zu verleihen. Aber Madagaskar ist nicht nur höchst originell, sondern reich auch an Kontrasten. Weite Küstenebeneu wechseln mit hohen Gebirgsformationen, Gegenden mit reichlicher Bewässerung liegen neben völlig dürren Landstrichen, auf Steppen mit kümmerlicher Vegetation folgen weite Gebiete, wo Kraft und Fülle der Pflanzendecke ihres Gleichen ans Erden suchen. Aehnliche Gegensätze finden sich bei den Bewohnern Madagaskars. Völlig dunkle Typen wechseln mit helleren ab, die fast den kaukasischen Völkern ähneln; es gibt einige abstoßend häßliche Stämme neben solchen, deren Schönheit selbst ein verwöhntes Auge bewundern muß; es finden sich musterhaft reinliche und vor Schmutz starrende, ausschweifende und sittenstrenge, gastfreie und ungastliche, nomadische und staatlich geordnete Stämme von Eingeborenen. Es kann daher nicht auffallen, daß die llrtheile von Forschungsreisenden, welche meist nur einzelne Theile von Madagaskar besucht haben, stark von einander abweichen. Erst in neuerer Zeit ist ein klärendes Licht in diese mannigfachen Kontraste durch die verdienstvollen Arbeiten Alfred Grandidier's, des gründlichsten Kenners von Madagaskar, gekommen.
Ein breiter Urwald umsäumt die Küste, der sich nach Norden auch in das Innere des Landes erstreckt. In der Nähe des Meeresufers sind im wesentlichen Pandanus- und Mangrove-Waldungen vorherrschend, die vom Salzwasser nicht beeinflußt werden. Vereinzelt kommen auch die schlanken, oft 25 Meter hohen Kokospalmen vor, deren elastische Stämme am höchsten Ende ihre stolze Krone tragen. Zahlreiche in Madagaskar einheimische Küstenpflanzen werden in der Nähe des Strandes angetroffen. Höher hinauf wächst der madagassische Charakterbaum langülnia vsnknikera, welcher dem Oleander ähnelt. Aus zahlreichen und schön gefärbten röthlichen Blüthen bilden sich olivengrüne, äpfelartige Früchte, deren Kerne in ho.hem Grade giftig sind. Diese Früchte des Tangenbaumes wurden besonders von der Hovaregierung bis in die neueste Zeit als Strafmittel benutzt, um unbequeme Personen aus der Welt zu schaffen. Früher fielen Tausende von Menschen diesem starken Gifte zum Opfer, und erst in den letzten Jahren gelang es den vereinten französischen und englischen Bemühungen, wenigstens die officielle Anwendung desselben zu unterdrücken. Als kostbare Nutzhölzer der Waldungen sind besonders Ebenholz und Mahagoni zu nennen; einer der schönsten und nützlichsten Bäume auf Madagaskar ist jedoch die Rawenala (Urania spoeiosa) oder die „Palme der Reifenden". Diese herrliche Fächerbanane, deren Blätter zehn Meter lang werden, schmückt die Landschaft und erweist sich zugleich segensvoll für den menschlichen Bedarf. Aus den Blattstielen baut man die Dächer, mit der weichgeklopften Rinde wird der Fußboden belegt, und die grünen Blätter dienen als Tischtuch oder Teller, zusammengerollt auch als Löffel oder Trinkgefäße. In den unteren Enden der Blattstiele sammelt die Rawenala das Wasser der Niederschläge, welches sich in dieser vegetabilischen Cisterne kühl und ziemlich rein erhält, um den durstigen Reisenden in wasserarmen Gegenden zu erquicken. Auch die Ruffiapalme, eine Art von Fiederpalme, die fast nur in Madagaskar vorkommt, ist ihres Holzes, ihrer Blätter und Früchte wegen sehr geschätzt. Reis, die Hauptnahrung des Volkes, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr, Ananas und andere Vegetabilien tropischer wie gemäßigter Zonen gedeihen auf Madagaskar, wo eine alle Zeit gütige Natur den Eingeborenen mühelose Nahrung spendet.
Noch merkwürdiger als die Pflanzenwelt erscheint die Fauna aus Madagaskar. Zwar kommen die hervorragenden Vertreter der afrikanischen Thierwelt, wie Löwen, Giraffen, Nashörner und Antilopen, dort nicht vor. Dagegen zeigen sich viele lediglich madagassische Thiersormen, welche ganz isolirt dastehen und in den Köpfen mancher Naturforscher das Phantasiegebilde eines sechsten, im Indischen Ocean versunkenen Kontinents (Lemurien) auftauchen ließen, der, von Madagaskar bis Ceylon reichend, die im Indischen Ocean zerstreut liegenden Inselgruppen umfaßt und die eigentliche Urheimath des Menschengeschlechts gebildet haben