Heft 
(1894) 81
Seite
457
Einzelbild herunterladen

Notizen über Madagaskar.

457

sollte. Außer einigen einheimischen Schlangenarten sind besonders die Halbaffen (llemuriclao) als eigenartige Vertreter der madagassischen Thierwelt zu nennen. Von den eigentlichen Assen deutlich verschieden, ähneln sie denselben nur im Bau der Gliedmaßen, während sie in der Kopsbildung etwa dem Eichhorn gleichen. Die Halbaffen sind vorzugsweise langgeschwänzte Baumthiere, können sich aber auch in ausrechter Stellung, nach Art der Kängurus hüpfend, fortbewegen. Sie gehören in ihren drei Abarten (Aye-Aye, Jndri und Maki) wahrscheinlich zu den ältesten Säugethieren der Tertiärzeit. Im Ganzen existiren in Madagaskar 65 einheimische Arten lebender Säugethiere, welche von der afrikanischen Fauna fast ganz verschieden sind. Dagegen zeigen sowohl die Säugethiere als besonders auch Vögel, Reptilien und Jnsecten Madagaskars zweifellos eine große Ähnlichkeit mit indischen, malayischen und australischen Typen der Thierwelt.

Eigenartig wie Flora und Fauna ist auch die Bevölkerung der Insel, welche hinsichtlich ihres Ursprungs den Ethnographen viele, auch heute noch nicht voll­ständig gelöste Schwierigkeiten bereitet hat. Im Innern des Landes wohnen die Hova, das herrschende Volk aus Madagaskar, an der Ostküste die Betsimisaraka-Völker, welche in ihrer abergläubischen Vorstellung die früher erwähnten Halbaffen für ihre Vorfahren halten, und aus den westlichen und nördlichen Küstengebieten die Sakalavas, welche zu den interessantesten, aber auch am wenigsten bekannten Be­wohnern von Madagaskar gehören. Außerdem gibt es noch acht kleinere mada­gassische Volksstämme, welche an verschiedenen Stellen der Insel zerstreut leben und als Uebergangssormen zwischen den drei hauptsächlichsten Volkstypen aus Mada­gaskar gelten können.

Schon Wilhelm v. Humboldt machte auf den malayischen Charakter der mada­gassischen Sprache ausmerksam, der sich direct aus der Vergleichung einzelner Worte, wie Hand tangan (mal.) tangana (madag.) oder Fruchtbua (mal.) voa (madag.), ergibt. Nach neueren zuverlässigen Forschungen muß man jedoch an­nehmen, daß nur die Hova ein malayisches Volkselement darstellen, während die übrigen Madagassen Wohl afrikanischen Ursprungs sind und zu den Volksstämmen der Suäheliküste gehören dürsten. Der intelligenteste Volksstamm sind ohne Zweifel die Hova, welche in allen Verwicklungen mit Frankreich, der im politischen Sinne aus Madagaskar colonisirenden Macht, stets in den Vordergrund der Ereignisse treten. Die Hova sind tapfer, verschlagen und sehr unternehmend. Ihre auffallende oratorische Begabung haben sie mit manchen polynesischen Stämmen gemein, und auch ihre musikalischen Fähigkeiten deuten auf malayischen Ursprung. Die Hova-Armee besitzt z. B. ein Musikcorps von Schwarzen, welche eine während des letzten Krieges mit Frankreich componirte Nationalhymne bei feier­lichen Gelegenheiten spielen. Europäische Cultur hat bei dem Hova-Volke bereits Einzug gehalten und ein mächtiges, gut disciplinirtes Staatswesen unter ihnen geschaffen. Das Volk der B etsimisaraken steht dagegen aus einer sehr nie­drigen Stufe und geht auch in Folge von epidemischen Krankheiten und über­mäßigem Alkoholgenuß dem allmäligen Aussterben entgegen. Kraftvoller und ver­wegener sind wiederum die Sakalaven, die früher als gefürchtete Seeräuber den Canal von Mosambique unsicher machten und jetzt nomadenhaft von Ort zu Ort ziehen. Die Sakalavamädchen gelten als wild-phantastische asrikanische Schönheiten von einer ausfallenden Größe und Plastik des Körperbaues, von angenehmer Gesichts­bildung und mit feurigem Glanze der Augen. Noch im vorigen Jahrhundert haben die numerisch den Hova überlegenen Sakalava die Herrschaft über die Insel besessen, die sie jedoch in Folge von Zersplitterungen verloren.

Die Gesammtzahl der Einwohner Madagaskars beträgt etwas über drei Mil­lionen, von denen die Zahl der Hova gegenwärtig allein 1000 000 ausmacht. Die Centralprovinz des in siebzehn Districte getheilten Königreiches Madagaskar ist das den Hova gehörige Ankowa, eine bewaldete von Bergen umschlossene Hochebene, aus welcher nur die Hauptstadt Tananarivo mit 100 000 Einwohnern