Heft 
(1894) 81
Seite
459
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Alexander III.

Der Tod des Kaisers Alexander III. hat weit über die Grenzen des ungeheuren Reiches hinaus, das er nicht viel mehr als dreizehn Jahre beherrscht, eine wirklich tiese Bewegung hervorgerusen. Die Berichte von dem Krankenlager in Livadia, wie sie nun bald hoffnungsvoller, bald trauriger lauteten, haben Wochen lang, man dars wohl sagen, die ganze civilisirte Welt in theilnehmender Spannung gehalten, und wenn es zunächst auch der rein menschliche Zug gewesen sein mag, der uns sür ein großes Leiden, standhast ertragen, mitsühlen machte: so hat doch hier zugleich das Walten eines unerbittlichen Geschicks uns tragisch ergriffen. Ein Monarch, unter allen Mächtigen der Erde vielleicht der Mächtigste, begabt mit einer unerschütterlichen Stärke des Charakters und dem unbestreitbaren Willen, das Beste zu thun, skrupulös gewissenhast, durchdrungen von dem Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit, sich aus- reibend und ausopsernd in der Erstellung seiner schweren Pflichten' und doch an jedem Tag, in jeder Stunde, in jedem Augenblick von Gefahren bedroht, nicht von außen, sondern aus der Mitte seines Volkes, um dessen Wohlfahrt und Gedeihen er unablässig bemüht war. An der Leiche seines von einer Dynamitbombe zerrissenen Vaters mag sich die Wandlung vollzogen oder befestigt haben in der Brust des damals Sechsunddreißigjährigen, der sür den Thron nicht erzogen worden war und Wohl wußte, aus der Geschichte und der eigenen Erfahrung, was die Zarenkrone sür ihren Träger bedeute. Kaiser Alexander II. hatte das Werk der Reformen mit der Aus­hebung der Leibeigenschaft begonnen, war der Freund und Verbündete Deutschlands und Oesterreich-Ungarns gewesen, und aus seinem Tische fand man den bis aus die Unterschrift vollzogenen Entwurf einer Verfassung, gleichsam sein politisches Testament. Alexander III. hat es nicht ausgesührt. Dem Vater vielleicht zuvor schon innerlich entfremdet, hat er in allen Stücken an die Traditionen des alten, heiligen Rußlands wieder angeknüpst und nur selten und zögernd aus seiner stolzen Einsamkeit herans- tretend sich ganz und ausschließlich seinem Lande gewidmet. Ohne Spur von Herrsch­sucht, hat er doch die Bürde der unermeßlichen Gewalt aus sich genommen mit dem vollen Gefühl des Selbstherrschers, der sür seine Handlungen seinem Gott allein und sich selber Rechenschaft schuldig ist. Ein persönliches Regiment, das in der Wahl seiner Mittel durch keine Controls beschränkt wird, kann nicht immer frei von Härten sein: und es gab eine Zeit, wo der Westen erschrak vor den Maßregeln und der Conseqnenz dieses Systems. Aber zweierlei wird man jetzt, wo das Werk Alexanders III. abgeschlossen vor uns liegt, nicht verkennen: daß er sein Reich größer, blühender, gesicherter und angesehener hinterlassen hat als er es empfangen, und daß er, in dessen Hand die Entscheidung ruhte, jeder Versuchung unzugänglich und unter den schwierigsten Umständen den europäischen Frieden gewahrt hat und seine feste Säule gewesen ist bis zum letzten Athemzug.

Es ist ein Ding, in der unwürdigen Vasallenschast Rußlands gehen, wie in den Tagen von Olmütz, und ein anderes, in Frieden und Freundschaft mit dem