460
Deutsche Rundschau.
über zwei Welttheile sich erstreckenden Nachbarreich im Osten leben, welches in materieller und — wenn wir an seine großen Dichter und Schriftsteller denken — auch in geistiger Hinsicht so wichtig sür uns geworden ist. Die befreiende That des jüngst abgeschlossenen Handelsvertrages wird in unserem Andenken stets mit der dankbaren Erinnerung an Alexander III. verbunden sein, aus dessen Initiative nicht zum geringsten Theil er zurückzusühren sein dürste. Wir betrauern mit der russischen Nation in ihm einen Herrscher, der sich auch um die anderen Nationen verdient gemacht, indem er durch weise Zurückhaltung, gestützt aus eine imposante Macht, viel zu der ruhigen Entwicklung der Dinge beigetragen hat. Die Sympathiebezeugungen, welche von allen Seiten und aus allen Ländern kamen, waren gewiß ausrichtig.
Unter solchen Auspicien hat Nicolaus II. den Thron der Romanows bestiegen. Es liegt in der Natur der Verhältnisse, daß man noch wenig von ihm weiß; aber was man von ihm weiß, spricht sür ihn. Er hat sich bei dem Attentat, das in Japan aus ihn und seinen Reisegefährten, den Kronprinzen von Griechenland, verübt ward, mit einer für sein damaliges Alter ungewöhnlichen Unerschrockenheit und kaltblütigen Ruhe gezeigt. Später, an der Spitze mehrerer wichtiger Staatsunternehmungen, ist sein Name mit Auszeichnung genannt worden, und seine Bildung wird als eine gediegene, vielseitige, den Einsluß westeuropäischer Ideen keineswegs ausschließende gerühmt. Das allgemeine Vertrauen kommt ihm entgegen und ist durch seinen ersten Regierungsact, das durch ihn erlassene Manisest, bestärkt worden. Es herrscht ein gewinnender Ton der Pietät und Liebe darin. Gerne gibt man sich dem Glauben hin, der jugendliche Zar werde von dem Vermächtniß des Vaters sich besonders das aneignen, was das friedliche Wohlergehen, das Glück seiner Unter- thanen zum Ziele hat. Wohlthuend berührt es auch, daß er in einer Urkunde von so fundamentaler Art seiner bevorstehenden Vermählung mit der Prinzessin Alice von Hessen-Darmstadt gedenkt. In der Stille des kleinen Hofes erblüht, in einer Residenz und unter einer Bevölkerung, der das Andenken ihrer früh verstorbenen Mutter theuer geblieben, hat sie von dieser den klaren Verstand und das richtige Gefühl geerbt, welche die junge Fürstentochter bei den ersten Schritten in die Öffentlichkeit geleitet und mit diesen sie fast schon populär gemacht haben. In kindlicher Rührung von der hessischen Heimath und den Freundinnen Abschied nehmend, mit denen sie zusammen gespielt und studirt hatte, zeigte sich doch sogleich die Festigkeit ihres Entschlusses, als der Ernst ihres künftigen Berufes an sie herantrat. Sie wollte mit dem erwählten Gemahl Alles theilen, auch den Glauben; aber indem sie sich bereit erklärte, den seinen anzunehmen, soll sie sich doch geweigert haben, den ihrigen zu anathematisiren. Beim Ueberschreiten der russischen Grenze richtete Prinzeß Alice dann an die Stadt Moskau jenes Schreiben, das im weiten Zarenreich den freudigsten Widerhall weckte; denn Jeder, der diese Worte las, empfand in ihnen den wahren, warmen Ausdruck einer Seele, die sich mit der ganzen ihr angeborenen Kraft den neuen Lebensaufgaben weiht.
Die Segenswünsche ihres Volkes folgen der deutschen Prinzessin. Möge sie, wie sie zur Seite Nicolaus' II. die Zierde des russischen Thrones sein wird, auch dessen guter Engel werden. Denn wenn es in diesen Tagen des unablässig wühlenden Umsturzes eine Hoffnung sür die Völker gibt, so ist es die, daß die Regierungen, mag ihre Form sein, welche sie wolle, sich vor Allem die Wahrung und Pflege der Cultur angelegen sein lassen. Die Feinde der bestehenden Ordnung sind, ohne jeden Unterschied der Nation, uns Allen gemeinsam; so sollten auch deren Vertheidiger sich solidarisch wissen in ihren Bestrebungen. Es gibt kein stärkeres Argument gegen den Krieg als dieses; und kein schönerer, ruhmvollerer Titel könnte von Alexander III. aus Nicolaus II. übergehen, als der: ein Friedensfürst zu sein, wie jener es gewesen.
Berlin, 15. November. I. U.