Politische Rundschau.
^Nachdruck untersagt.j Berlin, Mitte November.
Mit überraschender Einstimmigkeit hat die gesammte Presse des Auslandes ihrem Bedauern über den Rücktritt des Grasen Caprivi von seiner Stellung als deutscher Reichskanzler Ausdruck geliehen. Konnte doch gerade im Auslande, so oft die Friedenspolitik der deutschen Reichsregierung betont wurde, die Probe auf das Exempel gemacht werden. Nicht bloß in Oesterreich-Ungarn und Italien, den Staaten, die mit Deutschland im Bündnißverhältnisse stehen, sondern auch in Frankreich und Rußland hatte die ebenso besonnene wie ihres Zieles klar bewußte auswärtige Politik Deutschlands alle Klippen glücklich vermieden, so daß die Friedensaspecten sich stets günstiger gestalteten. Es braucht nur an die Handelsverträge, insbesondere an den Abschluß desjenigen mit Rußland, erinnert zu werden, um zu zeigen, in wie friedlichen Bahnen sich auch die handelspolitische Wirksamkeit des Grasen Caprivi bewegte. Ohne je der Würde und dem Ansehen Deutschlands auch nur das Geringste zu vergeben, war der Nachfolger des Fürsten Bismarck unablässig bemüht, internationale Conflicte zu verhüten. Wenn dem Kaiser- Wilhelm II. die Initiative für die Abnahme der Spannung in den deutsch- französischen Beziehungen zugeschrieben werden darf, so war es doch der Graf Caprivi, der aus diese Dispositionen verständnißvoll einging, so daß Deutschland nicht nur mit seinem östlichen, sondern auch mit seinem westlichen Nachbar nunmehr in einem freundlicheren Verhältnisse steht.
Die Gegensätze der Parteien, die sich im Hinblicke aus die wirthschastlichen Zustände entwickelt haben, konnten nicht verfehlen, dem Grasen Caprivi gerade im ultra-conservativen Feldlager Widersacher erstehen zu lassen, die wohl durch die Hoffnung bestimmt wurden, daß mit dem Sturze des leitenden Staatsmannes ihre Sonderbestrebungen Verwirklichung finden könnten. Immerhin wurde auch in diesen Kreisen angenommen, daß Gras Caprivi erst nach einer unglücklichen parlamentarischen Campagne den politischen Kampfplatz räumen würde. Der deutsche Reichstag galt als das Terrain, aus dem die Frage entschieden werden sollte, wie den revolutionären Bestrebungen gegen die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung entgegenzntreten wäre. Zwei Auffassungen standen einander schroff gegenüber, von denen die eine, vom Grasen Caprivi vertretene dahin ging, daß gewisse Verschärfungen des gemeinen Rechtes genügen würden, während der preußische Ministerpräsident und Minister des Innern, Gras Eulenburg, die schärfere Meinung repräsentirte, nach der die anarchistischen Vorgänge im Auslande eine Ausnahmegesetzgebung erheischten. Nur mußte der Beweis vermißt werden, daß die Voraussetzungen, die für das Ausland, insbesondere für die romanischen Länder, maßgebend waren, auch für Deutschland zutreffen. Vielmehr lag die Gefahr nahe, daß die Anarchisten ihre Propaganda der That gerade mit Rücksicht auf eine gegen sie