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Deutsche Rundschau.
gerichtete Specialgesetzgebung auf Deutschland ausdehnen könnten. Im preußischen Staatsministerium drang denn auch die Ansicht des Grafen Caprivi durch, der sich jedoch bei diesem Anlasse von Neuem überzeugen mußte, wie wenig glücklich die Trennung der leitenden Stellung im preußischen Staatsministerium von derjenigen des deutschen Reichskanzlers gewesen ist.
Man wird kaum bei der Annahme fehlgehen, daß der Gegensatz zwischen dem Grafen Caprivi und dem Grafen Eulenburg geraume Zeit hindurch in latentem Zustande vorhanden war, ehe er in einem ersten Entlassungsgesnche des höchsten Reichsbeamten seinen charakteristischen Ausdruck fand. Der Kaiser beschwichtigte jedoch zunächst diesen Gegensatz, so daß die vorhandenen Spitzen im Wesentlichen umgebogen zu sein schienen, als dann nach der Rückkehr des Kaisers von einem Jagdansfluge die Krisis von Neuem acut wurde und zum Rücktritte beider leitenden Staatsmänner im Reiche und in Preußen führte. Wenn vielfach hervorgehoben worden ist, daß die Darstellung des Conflictes zwischen dem Grafen Caprivi und dem Grafen Eulenburg in einem angesehenen deutschen Organe, in der die Stellung des deutschen Kaisers allzu bestimmt gekennzeichnet worden sein soll, den unmittelbaren Anlaß zu der in dieser Form unerwarteten Regierungskrisis geboten habe, so kann doch keinem Zweifel unterliegen, daß der Zustand, bei dem der höchste Reichsbeamte im preußischen Staatsministerium trotz dessen collegialer Einrichtung gewissermaßen hinter dem Ministerpräsidenten zurückstehen mußte, auf die Dauer unhaltbar war.
Gerade in dieser Erkenntniß darf zugleich eine heilsame Lehre für die Zukunft erblickt werden. Die Trennung der beiden Stellungen erfolgte, nachdem Gras Caprivi als Präsident des preußischen Staatsministeriums sich allzu sehr für den im Lande mit einem Sturme der Entrüstung aufgenommenen Entwurf eines Volksschulgesetzes engagirt hatte. Es braucht nur daran erinnert zu werden, mit welchem Freimuthe die preußischen Universitäten gegen diesen Entwurf Verwahrung einlegten, um zu erhärten, daß Graf Caprivi damals, um nicht zu sagen: im politischen Sinne tragisch schuldig geworden, doch den Keim zu dem Conslicte legte, der ihm nunmehr verhängnißvoll geworden ist. Ohne seine Theilnahme für den Entwurf des Grafen Zedlitz wäre es nicht zur Trennung der beiden Gewalten gekommen, die später zu Reibungen und einem Antagonismus führen mußte, für den es eben keine andere Lösung gab wie die Wiedervereinigung der Stellung des preußischen Ministerpräsidenten mit derjenigen des deutschen Reichskanzlers.
Kaiser Wilhelm hat dies deutlich erkannt, als er nach dem Rücktritte des Grafen Caprivi und des Grafen Enlenburg den Fürsten Chlodwig von Hohenlohe- Schillingsfürst in die leitende Stellung als Reichskanzler berief und zugleich mit dem Vorsitze im preußischen Staatsministerium betraute. Sicherlich hätte die Wahl unter den obwaltenden Umständen auf keine geeignetere Persönlichkeit fallen können. Erfreute sich der Graf Caprivi seiner bewährten friedlichen Gesinnung wegen im Auslande hohen Ansehens, so genießt der frühere deutsche Botschafter in Paris, der später als Statthalter in Elsaß-Lothringen einen nie versagenden Tact mit einer stets das Interesse Deutschlands fest im Auge behaltenden Energie verband, in demselben Grade das volle Vertrauen des Auslandes. Seine ganze Vergangenheit bürgt dafür, daß Fürst Hohenlohe sich lediglich durch patriotische Interessen leiten ließ, wenn er die bei aller Verantwortlichkeit nicht so verwickelte Stellung des Statthalters von Elsaß-Lothringen mit der seine ganze Kraft erheischenden neuen Position vertauschte. Er hat jedoch bereits in seiner früheren Thätigkeit bewiesen, daß er zugleich die auswärtige Politik Deutschlands den vom Fürsten Bismarck herrührenden Ueberlieferungen gemäß zu leiten vermag, wie auch im Parlamente den an ihn zu stellenden Anforderungen entspricht. Andererseits leistet die ganze Vergangenheit des Fürsten Hohenlohe dafür Bürgschaft, daß er wesentliche Volksrechte, die durch die Reichs Verfassung und die bestehende Gesetzgebung gewährleistet sind, nicht gefährden lassen wird.