Heft 
(1894) 81
Seite
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Politische Rundschau.

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Stellen aber die hohen Aemter, die Fürst Hohenlohe, dem Ruse des Kaisers folgend, in patriotischer Weise übernommen hat, die größten Anforderungen an den bewährten Staatsmann, so darf es mit Genugthuung ausgenommen werden, daß dieser insofern entlastet wird, als der Staatssecretär im Auswärtigen Amte, Freiherr von Marschall, zum preußischen Staatsminister ernannt worden ist. In dieser Eigenschaft wird dieser nunmehr in der Lage sein, dem Fürsten Hohenlohe im preußischen Ministerium wie im Landtage wirksam zur Seite zu stehen, und dies erscheint um so bedeutsamer, als Freiherr von Marschall sich im deutschen Reichs­tage längst als einäsbator" ersten Ranges erwiesen, der insbesondere bei den Verhandlungen über die Handelsverträge durch die Sachlichkeit und Stichhaltigkeit seiner Beweisgründe sich aus der ganzen Höhe der Situation zu halten gewußt hat.

Der neue Minister des Innern, Herr von Köller, der bisher unter dem Fürsten von Hohenlohe in Elsaß-Lothringen thätig war, sieht sich zunächst wegen seiner ehemaligen parlamentarischen Wirksamkeit mancherlei Anfechtungen ausgesetzt. Es empfiehlt sich jedoch um so mehr, mit dem Urtheile znrückzuhalten, bis wirkliche Acte des neuen Ministers des Innern vorliegen, als der neue Reichskanzler in seiner Eigenschaft als Präsident des preußischen Staatsministeriums Wohl Bedenken getragen haben würde, einen Minister des Innern zu acceptiren, der nicht eben im Lause der Jahre, die der Praxis gewidmet waren, viel gelernt und Manches von den früheren Theorien vergessen hat. In der Sitzung des preußischen Staats­ministeriums, die unter dem Präsidium des Fürsten Hohenlohe stattsand, um über die Vorschläge zur Bekämpfung der revolutionären Bestrebungen ein Ergebniß zu erzielen, stellte sich denn auch die volle Einmüthigkeit heraus, mit der daran fest- gehalten wird, daß der dem Bundesrathe und später dem Reichstage vorzulegende Gesetzentwurf lediglich aus der Grundlage des gemeinen Rechtes durchgesührt werden soll. Da die leitenden Minister der deutschen Staaten sich im Principe mit den in diesem Entwürfe enthaltenen Grundsätzen einverstanden erklärt haben, darf jetzt bereits angenommen werden, daß die Vorlage ohne wesentliche Veränderungen dem Reichstage zugehen wird. Dieser, der ursprünglich durch kaiserliche Verordnung für einen früheren Termin einberusen worden war, wird sich nunmehr am 5. December versammeln. Mit großem Interesse darf der Thronrede entgegengesehen werden, da nicht bloß die mancherlei im Reiche und in Preußen vollzogenen Veränderungen, sondern auch Ereignisse im Auslande, unter denen das Hinscheiden des Kaisers Alexander III. von Rußland in Deutschland tiefen Eindruck und allgemeine Theil- nahme hervorgerusen hat, sicherlich ihre Würdigung finden werden.

Der Tod des Zaren ist zwar nicht unerwartet gekommen, da dessen schweres Leiden den schlimmen Ausgang befürchten ließ; allein die bewährten friedlichen Dispositionen des Kaisers Alexander III. hatten sich stets als eine so werthvolle Bürgschaft erwiesen, daß sein Hinscheiden, abgesehen selbst von der rein mensch­lichen Theilnahme, von diesem Gesichtspunkte aus innig bedauert werden muß. Mochten immerhin in Frankreich aus Anlaß der Flottenbesuche in Kronstadt und in Toulon phantastische Hoffnungen aus das französisch-russische Zukunstsbündniß gesetzt werden, so war doch in Deutschland Wohl bekannt, daß der nunmehr ver­storbene Zar weit davon entfernt war, russische Interessen im Dienste der französi­schen Revancheidee zu gefährden. Auch in den Beziehungen seines Landes zu Frankreich erwies sich Alexander III. als treuer Anhänger der Aufrechterhaltung des europäischen Friedens. Ihm war vielmehr daran gelegen, den französischen Patriotismus" im Zaume zu halten, als der Erwartungen Vorschub zu leisten, die in den Bestrebungen der früheren Patriotenliga ihren bezeichnenden Ausdruck fanden. Daß ein großer Theil der französischen Presse in dem verstorbenen Kaiser von Rußland nicht so sehr den Friedenssürsten betrauert, wie den Mann, der bei der Verwirklichung politischer Phantasien eine hervorragende Rolle spielen sollte, kann nicht überraschen. Ausfallend erscheinen muß nur, daß dieselben Organe zunächst den Nachfolger Alexanders III. mit einem gewissen Mißtrauen beurtheilten, und zwar