Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
72
Einzelbild herunterladen

72

Rosseaus Mannesalter.

a Sa

schuldig zu sein:aber in Ansehung meiner Kinder

glaubte ich als Bürger und als Vater zu handeln, in­

dem ich sie, die ich nicht selbst aufziehen konnte, der

öffentlichen Erziehung übergab und sie lieber zu Hand­

werkern und Bauern als zu Abenteurern und Glücks­

rittern bestimmte, genug, ich sah mich wie ein Mitglied

der platonischen Republik an. Mehr als einmal hat

meine herzliche Reue mir seitdem gezeigt, dass ich mich

getäuscht habe. Aber mein Verstand hat mir nicht im entferntesten die gleiche Weisung geben wollen.Mein

drittes Kind wurde also wie die ersten in das Findelhaus

gebracht und ebenso geschah es mit den beiden folgen­den, denn ich habe im Ganzen fünf gehabt. Es ist hier

nicht Veranlassung, ein Urtheil über Rousseaus Hand­lungsweise abzugeben, oder zu erwägen, wie anders sich sein Leben gestaltet haben würde, wenn er eine Familie gegründet hätte. Zweifellosen Nachtheil brachte Rousseau sein Verfahren insofern, als es seinen Gegnern eine willkommene Unterlage für ihre Schmähungen dar­bot und als von diesem Punkte aus ein gewisser Schein der Wahrscheinlichkeit auf ihre Verleumdungen fiel. Rousseau hatte mancherlei geschrieben, gedichtet

und componirt, ohne doch das Bereich der Mittelmässig­keit zu verlassen. Erst in seinem achtunddreissigsten Jahre fiel in seine Seele ein Funke, der sein Talent sozu­sagen in Flammen setzte und ein Feuer entzündete, das viele Generationen erwärmen sollte. Im Jahre 1749 las Rousseau zufällig die Preisfrage der Akademie von Dijon: Ob der Fortschritt der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen habe, die Sitten zu verderben

Ö