Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
71
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Die Kinder im Findelhause.

Zwar war das Concubinat als solches nach den gelten­den Anschauungen kaum anstössig, aber Rousseau ge­rieth doch durch seine wilde Ehe in ein schiefes Ver­hältniss zur Gesellschaft und dies, je weniger er leicht­sinnig war, um so mehr. Eine sehr unangenehme Zu­gabe waren die Verwandten Theresens; die Geschwi­ster brandschatzten und bestahlen Rousseau, wo sie konnten, der Vater war ein einfältiger alter Mann, die Mutter hatte alle Eigenschaften einer schlimmen Schwiegermutter. Rousseau hatte die Schwäche, das ordinäre alte Weib in seinem Hause zu dulden. Sie hat ihm jahrelang das Leben verbittert und war die Verbündete derer, die ihm übel wollten.

Das Schlimmste aber war, dass die natürlichen Folgen der Verbindung Rousseau zu verhängnissvollen Schritten veranlassten. Als Therese zum ersten Male schwanger war, ergriff Rousseau, dem seine Lage die Anerkennung und Aufziehung eines Kindes als etwas Unmögliches erscheinen liess, ohne grosses Bedenken das Auskunftmittel, das seine Bekannten anzuwenden pflegten: Er schickte das Kind, ohne es gesehen zu haben, in das Findelhaus. Das zweite Kind wurde ebenso behandelt. Als das Ereigniss zum dritten Male eintrat, hatte Rousseau schon mit Therese einen Haus­stand gegründet und er überlegte reiflich, was er zu thun habe. Er sagte sich, dass er, ein kranker Mann, dessen Ende bevorstehe, seine Kinder nicht würde erziehen können, dass sie in die Hände der Familie Levasseur fallen und trotz der schwachen Therese Spitz­buben werden würden. Er glaubte Theresen Treue