70
Rousseau’s Mannesalter.
Schilderung war Therese von einer kaum glaublichen Beschränktheit.„Ihr Geist ist, wie er von Natur ist. Bildung und Pflege haften nicht daran. Ich gestehe ohne Erröthen, dass sie nie recht ordentlich hat lesen können, obgleich sie so ziemlich schreibt.“ Sie verstand das Zifferblatt der Uhr nicht, konnte die zwölf Monate des Jahres nicht behalten, verstand in keiner Weise mit Geld umzugehen und erging sich in den lächerlichsten Missverständnissen. Trotz alledem scheint sie einen gewissen Tact besessen und concreten Verhältnissen gegenüber ein gesundes Urtheil gehabt zu haben. Rousseau rühmt, dass sie ihm in schwierigen Lebenslagen trefflichen Rath gegeben habe,und dass sie im Umgange mit Personen aller Stände nicht nur Anstoss vermieden, sondern auch Achtung gewonnen habe. Das aber, was ihn Zeit seines Lebens an sie gefesselt hat, waren offenbar ihre stets gleich bleibende Sanftmuth und ihre unverbrüchliche Treue. Er nennt sie„den einzig wahren Trost seines Lebens“, durch sie sei sein Leben so glücklich geworden, wie es dem Laufe der Begebenheiten nach werden konnte. Nie spricht er anders als mit Zärtlichkeit und Achtung von ihr. So bestimmten und oft wiederholten Aussagen gegenüber ist es nicht recht verständlich, wie manche Schriftsteller Therese als Rousseau’s bösen Geist, als ein böswilliges, zänkisches Wesen, das Rousseau stets zum Schlechten beeinflusst habe, bezeichnen können. In der That sind diese Behauptungen gänzlich unbegründet. Schlimmer als der Mangel an Verstand und Bildung der Genossin war manches andere, was die Verbindung mit sich brachte.