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Rousseau’s Mannesalter.,
same, mehr schüchterne als bescheidene Mensch, der weder sich zu zeigen, noch zu sprechen wagte, den ein scherzhaftes Wort aus der Fassung brachte und den der Blick einer Frau erröthen liess. Kühn, stolz, unerschrocken trat ich überall mit einer Sicherheit auf, die um so fester war, als sie mehr in meiner Seele als in meiner Haltung lag. Die Verachtung, die ich für die Sitten, Grundsätze und Vorurtheile meines Jahrhunderts hegte, machte mich unempfindlich gegen die Spöttereien derer, die ihnen anhingen, und ich zerschmetterte ihre Bonmots mit meinen Sentenzen, wie man ein Insect zwischen den Fingern zerdrückt“. Rousseau spricht von seiner Verwandlung in den Bekenntnissen zuweilen mit einer leichten Ironie und lächelt selbst über den rauhen Tugendhelden. Doch spielte er seine Rolle in völligem Ernste, und wenn seine Gegner in seiner Weltflucht nur die Absicht, Aufsehen zu erregen, erblickten, so verwechselten sie ihre Denkungsart mit der seinigen.
Der ebengenannte Vorwurf wurde und wird gegen den Discours sur les sciences und noch mehr gegen den im Jahre 1753 verfassten Discours sur l’inegalite, der die akademische Frage nach der Entstehung der Ungleichheit unter den Menschen beantwortet, erhoben: Rousseau habe durch das Paradoxon von der Schädlichkeit der Cultur für Moral und Glückseligkeit glänzen wollen, es sei ihm nicht darum zu thun gewesen, seine Ueberzeugung auszusprechen, sondern darum, die Leute zu verblüffen und sich von ihnen bewundern zu lassen. Dass er so verfahren, sei ein Zeichen seiner
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