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Deutsche Rundschau.
Glücksburg zubringen. Ich habe schon gehört, daß sie wieder etwas im Moor gesunden haben, bei Süderbrarup oder sonstwo, vielleicht ein Wikingschiff oder eine Lustyacht von Kanut dem Großen. Hoffentlich geht dieser Kelch an uns vorüber. Was mich persönlich angeht, ich lese lieber „David Copperfield" oder die „Drei Musketiere". Diese Moorfunde, Kämme und Nadeln, oder Wohl gar eine verfitzte Masse, worüber Thomsen und Worsaae sich streiten und nicht feststellen können, ob es ein Wurzelgefaser oder der Schopf eines Seekönigs ist, können mich nicht interessiren und die königlichen Frühstücke, bei denen der Liqueur- kasten die Hauptrolle spielt, wenn es nicht gar die Gräfin Danner putzmacher- lichen Angedenkens ist, sind mir eigentlich geradezu zuwider. Ich Weiche sonst in Allem von meiner Schwester ab, auch noch da, wo sie Recht hat und nur leider zu viel Aufhebens von ihrem Rechte macht, aber in diesem Stücke kann ich ihr nur zustimmen und begreife Holk nicht, daß er mit der Geschichte drüben nicht aufräumt und ein Gefallen daran findet, sich in dem Prinzessiunenpalais nach wie vor in seiner Kammerherrn-Uniform herumzuzieren. Daß es ihm sein schleswig-holsteinisches Herz nicht verbietet, will ich hingehen lassen, denn so lange der König lebt, ist er nun mal unser König und Herzog. Aber ich find' cs nicht klug und weise. Das Leben mit der Danner conservirt nicht, ich meine den König, und über Nacht kann es vorbei sein. Er ist ohnehin ein Apoplecticus. Und was dann?"
„Ich glaube nicht, daß sich Holk mit dieser Frage beschäftigt. Er ist ein Augenblicksmensch und hält zu dem alten Tröste: nach uns die Sündfluth."
„Sehr wahr. Augenblicksmensch. Und daß es so ist, das ist auch wieder einer von den Punkten, die meine Schwester ihm nicht verzeihen kann und worin ich mich abermals auf ihre Seite stellen muß. Aber lassen wir das; ich habe gerade heute nicht Lust, die Tugenden meiner Schwester aufzuzählen, es kommt mir heute mehr auf „w« elekauts äs ses vertus" an, die wir, lieber Schwarzkoppen, gemeinschaftlich bekämpfen müssen, sonst erleben wir etwas sehr Unliebsames. Das ist mir sicher, und ungewiß ist mir nur, wer den ersten Schritt thun wird, den ersten Schritt zum Unheil. Holk ist in fast zu weit gehender Anbetung und Ritterlichkeit die Nachgiebigkeit und Bescheidenheit selbst; er hat sich angewöhnt, sich seiner Frau gegenüber immer in die zweite Linie zu stellen. Natürlich. Erst imponirte ihm ihre Schönheit (sie war wirklich sehr- schön und ist es eigentlich noch), und daun imponirte ihm ihre Klugheit oder doch das, Was er dafür hielt, und dann imponirte ihm, und vielleicht am Meisten, ihre Frömmigkeit. Aber seit einiger Zeit, und leider in zu rasch wachsendem Grade, bereitet sich ein Umschwung in ihm vor; er ist ungeduldig, anzüglich, ironisch, und erst heute Nachmittag wieder fiel es mir auf, wie sehr er sich in seinem Tone verändert hat. Entsinnen Sie sich noch, als von den Marmorkrippen die Rede war. Nun, meine Schwester nahm die mehr oder weniger scherzhafte Sache wie gewöhnlich wieder ganz ernsthaft und antwortete halb gereizt, halb sentimental. Noch vor zwei, drei Jahren hätte Holk das hingehen lassen, aber heute gab er ihr Alles spitz zurück und spöttelte, daß ihr bloß Wohl sei, Wenn sie von Gruft und Capelle sprechen und einen aus bloßer Taille bestehenden Engel malen lassen könne."