Heft 
(1891) 66
Seite
147
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Literarische Rundschau.

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Die Jugend Michelangelos.

Die Jugendwerke des Michelangelo von Heinrich Wölfflin. Mit 13 Abbildungen.

München, Theodor Ackermann. 1891.

Es ist erfreulich, daß Michelangelo einen neuen Vertreter gewinnt, der mit positiven Gedanken vorgeht. Während Professor C. Frey die Biographien, Briefe, Urkunden und Gedichte Michelangelos zum besonderen Gegenstände seiner Arbeit macht, zieht H. Wölfflin die Werke der Jugendzeit in Betrachtung.

Wölfflin ist in die Michelangelo-Forschung mit Bemerkungen über die Entstehung der Malereien in der Sixtinischen Capelle eingetreten, im Repertorium des laufenden Jahres veröffentlicht und von entschiedener Wichtigkeit. Er untersucht die Gestalten der Propheten und Sibyllen und der sie verbindenden Figuren und entdeckt einen ge­wissen Fortschritt in der Behandlung, aus dem sich erkennen ließe, was früher und was später entstand. Ich kann W.'s letzte Konsequenzen noch nicht gutheißen, er­kenne Vieles aber, was er vorbringt, gern an. Ich glaube, daß seine Anschauungen sich, mit den Jahren noch ändern werden. Wie dem aber sei, man folgt ihm mit Vergnügen und erfreut sich des von ihm aufgewandten Scharfsinns.

W.'s vorliegende letzte Publication besteht aus einer Reihe von Anmerkungen zu Michelangelos Arbeiten vor der Malerei in der Sixtina. Ich bedauere, daß der Verfasser, der in seinem kleinen Buche über Geßner (Deutsche Rundschau 1889, Bd. llXI, S. 318) eine so geläufige, erzählende Feder zeigt, die Dinge diesmal so wenig im Zusammenhangs behandelt. Er hebt bei jedem Stücke von Frischem an. Michel­angelos erste Jugend wäre Wohl einer neuen, umfassenderen Darstellung fähig. Immer scheint W. dazu anzusetzen, ja, bei der Einleitung und den ersten Seiten erwartet man sie mit Sicherheit. Bald aber bemerken wir, daß seine Behandlung aphoristisch sei. W. sagt kurzweg, die Faunsmaske Michelangelos (im Bargello) werde allgemein in Zweifel gezogen, die keine Verwandtschaft mit dem Knabenstile Michelangelos habe und nachträglich gemacht worden sei. Hier wäre darzulegen gewesen, an welchen Stücken dieser Knabenstil Michelaugelo's ersichtlich sei. Der Knabenstil bedeutender Künstler (und auch Schriftsteller) hat zuweilen die Art, ohne Eigenthümlichkeit Nach­ahmungen vorhandener Muster zu zeigen.

Als das älteste Werk Michelangelos bespricht W. dieMadonna an der Treppe" im Hause Buonarroti. M. habe sie mit 16 Jahren etwa gearbeitet. Mir scheint, daß die Frage eine andere Gestalt annehme, sobald wir die Arbeit in etwas spätere Jahre setzen. Es ist mir zuweilen der Gedanke gekommen, als sei das Basrelief nach einem Gemälde gemacht worden, oder auch sei es als Gemälde oder Zeichnung concipirt gewesen.

Meine Absicht ist nicht, dem Verfasser von Stück zu Stück hier nun zu folgen und meine Meinung der seinigen zuzugesellen oder entgegenzustellen. Absicht dieser Be­sprechung ist nur, aus das nicht hundert Seiten zählende Heft als eine Leistung von Werth hinzuweisen, lieber zwei Arbeiten Michelaugelo's noch ein Wort, weil meine Meinung da herangezogen wird. Den Cupido des Kensington-Museums erkläre ich, wie W. übersehen hat, jetzt anders als früher. Meine nunmehrige, aus einer mir früher unbekannten Beschreibung, die Lomazzo von der Statue macht, beruhende Deutung hatte ich jedoch schon in einer Anmerkung zur fünften Auflage besprochen und habe sie in den Text der neuesten, sechsten, ausgenommen (I, 158). Zugleich aber weise ich später (II, 136) noch auf die Pergamenischen Figuren hin, welche, dem Cardinal Grimani zugehörig, Michelangelo in Rom zugänglich gewesen sein können. Zweitens der Giovannino zu Berlin, der (ohne meine Mitwirkung) in Pisa gekauft worden ist. W. nennt mich als einen Gegner der Statue. Ich kann mich in der That noch immer nicht entschließen, sie als eins der Werke Michelangelos anzuerkennen, und habe mich

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