Heft 
(1891) 66
Seite
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Neue Grübeleien eines Malers.

bleibe H. Man merkt, in solcher Welt geht nichts mit rechten Dingen zu, da ist nichts natürlich, dazwischen treibt Unter- und Ueberirdisches sein Wesen. Nur Zauber kann es sein, was da zappelt, eingesangen im Gewebe der Linien.

In diesem Sinne hat Wohl Walter Crane die schärfsten Consequenzen ge­zogen. Während Schwind und Steinle das Phantastische vielleicht noch zu sehr in Wohlgefälligkeit abglätten, baut Crane bei seiner eminenten Gabe, den Kern des Vorwurfs loszulösen, mittelst schneidiger Umrisse, greller Colorirung und schrankenloser Sonderbarkeiten in Costüm und Perspective aus der alten, bunten Fabelwelt eine ganz neue künstlerische auf.

Ludwig Richter, dessen Naturell durchaus auf das Gemüthliche gestimmt war, vermochte solch schöpferische Freiheit nicht zu gewinnen. Für ihn gehörte das Volksmärchen so gut zum Familienhausrath, wie Spinnrocken und Wiege, Breischüssel und Vogelbauer, mit zartem Stift zeichnete er es, wie er es am häuslichen Herde heimisch wußte. Seine Prinzen und Prinzessinnen, Nixen und Berggeister sind zumeist aus dem Loschwitzer Thal gebürtig, alle von gutem Schlage und ohne das rechte Zeug zur Abenteuerei. Seine Männer kommen mir vor, als müßten sie nach überstandener Krisis ihr Tabakspfeifchen aus der Tasche ziehen können. Mit den seltenen Bösewichtern seines Griffels ließe sich recht Wohl einTeppche" Bier trinken. Gemüthlich, wie künstlerisch, kannte er keinen Abschluß ohne Versöhnung. Er gehörte zu den Gottgeweihten, welche das Gemeine der Wirklichkeit unberührt läßt. In seiner Seele erklang die Natur wie auf hellgestimmten Saiten. Diesem büa dsato des Genres war der Himmel schon aus Erden erreichbar. Alle Kinder in seinen Werken scheinen kleine Engel ohne Flügel, und kein Zaun, kein Fliederbusch, von denen aus der Meister nicht gefiederte Sänger die Herrlichkeit der Schöpfung verkündigen ließe.

Richter erfaßte mit scharfem Künstlerauge die Motive und sammelte sie liebevoll in seinem Skizzenbuche, doch ohne Zuthun des Gemüths würden sie ihm nur kalte Beobachtungen gewesen sein. Sehen und Sinnen war bei ihm eins. Dem malerischen Brünnlein, Welches er irgendwo fand, ist schnell die schöpfende Magd hinzugefügt; die Gartenbank bleibt nicht leer, Großvater muß darauf sitzen; die rostige Wetterfahne sucht sich zum Knarren ein Dach und dieses ein Häuschen, und aus dessen rebenumwachsenen Fensterchen winkt die sittige Jung­frau dem Wanderburschen ihren Gruß zu. Richter treibt keine armselige Veduten­zeichnerei bei Vielen das Ende vom Anfang aber er geht auch nicht allein vom Buchmotiv aus. Im Märchen spielen sich ihm verklärt oder im Humor des Volkes Leiden und Freuden ab und zwar auf einem winzigen Stück der großen Gotteswelt. Was er auf diesem erblickt, schießt in seiner Phantasie zu kleinen Bildern zusammen, in welchen das bischenGegenstand" ganz still seinen Platz zu finden weiß. Er gleicht der honigsammelnden Biene.

Meister Ludwig entspricht den Bedingungen des Märchenstils durch schlichte, knappe Formengebung, ohne derselben nach Art Walter Crane's prärafaelitische Sonderbarkeiten beizumischen. Seine Miniaturfiguren bewegen sich nicht eckig und schrullenhaft, sondern ungezwungen, und manchmal offenbart er auf erbsen-

*) Dem Auge das Aeußerste zeigen, heißt der Phantasie die Flügel binden.

Lessing.