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Deutsche Rundschau.
großen Gesichtern eine Fülle von Einfalt und Herzensgute. Auch culturgeschicht- lich sind Richter's Werke von besonderem Interesse. Sie verbildlichen uns das alte träum- und gefühlsselige Deutschthum, für welches heute das Verständniß zu erlöschen beginnt. Die Heranwachsende Jugend steht auf dem Boden der That- sachen und verlangt schärfere Erregungen, als kleinbürgerliche. Aber wenigstens die Kinder halten an ihrem Ludwig Richter fest, und ich hoffe, diese Lieblinge seiner Kunst werden ihn der Zukunft retten.
Dem Meister nachempfindend und besonders die landschaftliche Stimmung Verwertend, hat jüngst auch Mohn anmuthige Märchenbilder geschaffen. Ich müßte, um Alles aus diesem Felde Geleistete zu würdigen, noch eine ganze Zahl trefflicher Illustratoren hervorheben, wie Woldemar Friedrich, Hugo Vogel, Carl Gehrts, Eugen Klimsch n. A., glaube mich hier aber auf solche Meister beschränken zu dürfen, welche für die Gattung als Prototypen und Bahnbrecher angesehen werden können. Das Kunstbiographische überhaupt bleibe Denjenigen überlassen, welche dazu berufen oder — nicht berufen sind.
Doch Einer fehlt offenbar noch in der Reihe: Gustave Dorö. Auch er, der Franzose, hat Volksmärchen gezeichnet; sind dieselben von niederem Werthe? Eine Frage, welche gerechterweise nur aus der Nationalität beantwortet werden kann. Das Jllustriren phantastischer Stoffe setzt zu diesen ein gewisses dienstbares Verhältniß voraus. Dame Romantik findet am deutschen und englischen Maler gehorsame Edelknappen, der französische steht zu ihr als souveräner Herr, zu seiner Nationalliteratur überhaupt. Die mag sich mit ihm beschäftigen, er dagegen gibt seine Kunst so leicht nicht zum Schmuck der Texte her. Frankreich hatte und hat nur einen Illustrator xar exesllenes: Dorö. Doch auch Dor6 opfert darum nichts von seinem Malerrecht des tel ost mon xlaisir. Auch keinen Stil schuf er sich, der ihn binden könnte. Ausschließlich von der malerischen, statt von der poetischen Qualität des Märchens bestimmt, zeichnet er es effectvoll, phantasmagorisch, blendet den Zuschauer, statt daß er den Beschauer anregt, sich selbstthätig in die Jrrgänge der Fabel zu vertiefen. Sogar auf der Bibel treibt Dorö eine Art von Raubbau. In seinen Zeichnungen spüre ich etwas von Meiningerei. Alle haben zu Anfang ihre blendende, dann überreizende Wirkung geübt und, wie mich dünkt, ihre tour äu moncio hinter sich. —
Das einseitige Verfahren der romantischen Malerschule ist dem deutschen Jllustrationsgebiete unendlich förderlich gewesen. Man nehme nur ein paar Jahrgänge der Fliegenden Blätter als Beweis, wie wirksam der sonst von Mund zu Munde flatternde Schmetterling des Humors, wenn vom Stift aufgespießt, zu schillern vermag H. Selbst unser großer A. Menzel, obwohl der Romantik feind.
I) Da ich nun doch einmal unter dem Zeichen des Stiftes schreibe, so möge der geneigte Leser gestatten, daß ich ihm ganz unvermittelt über meiner schwerfälligen Studie — aber bescheiden unter dem Strich — schließlich das strahlende Antlitz unseres Wilhelm Busch aufgehen lasse. Vermuthlich ist ein Zusammenhang dieses lachenden Philosophen mit den vorhin gefeierten gravitätischen Meistern noch niemals nachgewiesen worden. Trotzdem scheint er mir in etwas vorhanden. Denn bei Busch wohnen Schalk und Maler unter einem Dache. Seine scharfe Naturbeobachtung und nimmer versagende Einbildung sind schon allein hohe Gaben, welche berechtigen,