Neue Grübeleien eines Malers.
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fußte von Anfang an auf dem Capitale von zeichnerischer Sicherheit, welches deren Jünger sich erworben hatten.
Die Künstler, deren Eigenthümlichkeit ich kurz geschildert habe, wandten sich mit Vorliebe an die kindliche Phantasie, welche, Erträumtes und Erlebtes hold verwebend, das ganze Dasein noch als ein Märchen erfaßt. Ihr mußte auch der zeichnerische Stil entsprechen. Denn das Kind geht ja selbst den Weg des Bezeichnend auf diesem tastet es sich — genau wie culturgeschichtlich der Mensch — aus seinem Naturzustände in die Welt der Erkenntniß hinein. Es deutet an, seine Einbildung macht das Angedeutete fertig. Wenige Linien genügen ihm, um sich Mann, Frau, Haus und Baum zu gestalten, drei Striche, um Soldat und Hund durch das Thor spazieren zu lassen*). Im Kinde offenbart sich der Nachbildungstrieb rein und ursprünglich, ihn sollten die Erwachsenen fördern, nicht lahm legen dadurch, daß sie dem kindlichen Verständniß anschaulich Vollendungswahrscheinlichkeiten bieten, welche es nach Zusammenhang und Werth noch nicht zu schätzen gelernt hat^). Als Knabe baute ich Schiffe aus Torf oder
daß man ihn von den Auserwählten nicht gänzlich scheidet. Doch will mich bedünken, er sei denselben noch in besonderer Art verwandt, und zwar im Formenstil, nur daß Busch diesen in kluger Erkenntniß überstilisirt. So gelingt ihm, die gemessene Würde der umschreibenden Linie in Contrast zu setzen mit dem ungemessen übermüthigen Inhalt seiner Darstellungen und wiederum in Harmonie mit dem biedermännisch moralisirenden Ton seines Textes. Sogar auf eine gewisse gegenständliche Verwandtschaft möchte ich Hinweisen. Busch erzählt uns gleichfalls Märchen, unberechenbare Wandlungen des Geschicks, dessen Knoten bei ihm freilich ohne übersinnliche Mächte geschürzt und durchhauen werden.
Die Abstraction des Häßlichen, das Zerrbild (Carricatur), ergibt sich bereits als unfreiwilliges Resultat der Nachbildungsversuche primitiver Völker — wie der Kinder — mit anderen Worten: als mißlungenes Porträt. Denn im Bildniß führen die feineren Züge nach dem Schönen, die gröberen nach dem Häßlichen hin, und es liegt nahe, daß die Hand des gänzlich Unreifen nur den allergröbsten zu folgen im Stande ist. Bei dem barbarischen Zerrbild ist der Zweck des Lächerlichen noch nicht vorhanden; der dabei thätig gewesene Urstil kennzeichnet sich als durchaus unfreiwillig und bedeutet die Ohnmacht der bezeichnenden Linie. Tausende von Jahren sind nöthig gewesen, um den Menschen von dieser Stufe zu derjenigen empor zu führen, welche ihn fähig machte, sich mit bewußter Abstraction und mit langsam gereiftem Kunststil ein der geistigen Höhe seines Humors angemessenes Zerrbild zu schaffen.
2) Eltern, Großmütter und Tanten sollten, meine ich, ihren Lieblingen Geschenke von rasfi- nirten chromolithographischen oder photographischen Prachtwerken nach Möglichkeit fern halten. Wen schwindelt nicht überhaupt bei der modischen Prachtwerkerei? Gibt es doch Kinderstuben, in welchen der ganze elterliche Journalzirkel (Ulk, Kladderadatsch, Kikeriki und was sonst noch Alles) aufliegt. Mit solcher Speise beschert man den Kleinen das Schlimmste: Uebersättigung.
Es fehlt bei uns zum Glück nicht an Einsicht dessen, was auf diesem Felde gesündigt wird. Seit Jahren suchen namhafte Schriftsteller und Künstler dem Heranwachsenden Geschlechte frühzeitig reinen Inhalt in reiner Hülle zuzuführen. Ich verweise auf I. Lohmeyer's treffliche „Deutsche Jugend", Englische Illustratoren mit ihrem drastischen Humor und Geschick, eine Sache auf den Kopf zu treffen, in stattlicher Reihe von W. Crane bis Kate Greenaway, arbeiten auf dasselbe Ziel hin. — Kate personificirt, beiläufig gesagt, die in Albion mehr als irgendwo zu Worte kommende Altjungferlichkeit. Oder täusche ich mich und habe in ihr eine gute Frau und Mutter zu verehren? Dem sei, wie ihm wolle: unsere deutschen Kinder finden in ihren Zeichnungen etwas Fremdes; sie wissen offenbar mit wohldressirten, altfränkischen Puppenprocessionen, welche zur Theegesellschast gehen oder der Tante ein Sträußchen bringen, nichts Rechtes anzufangen.
Deutsche Rundschau. XVII, 5. 15