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Deutsche Rundschau.
Holzschuhen — für mich stolze Fregatten — und ließ sie auf Weihern und Bächen, ja auf Gossen schwimmen, die damals der Jugend noch nicht wegregulirt waren. Mein Sohn — es liegen vierzig Jahre dazwischen — bekam zu Weih- nachten ein prächtiges, jedoch offenbar für großstädtische Kinder nur zum Landdienst ausgerüstetes Fahrzeug. Wenigstens kenterte es, kaum in die Badewanne gesetzt, und lag noch selbigen Tages mit zerbrochenen Masten und verwirrter Takelage in der Ecke.
Das fertige Bild hat auch den Nachtheil, daß es unter der Tonhülle die schlichte Linie verschleiert, welche allein im Stande ist, zur Erkenntniß proportionaler und prospectivischer Gesetze hinzuleiten. Dem ohnehin so sterilen Schulzeichenunterrichte erwächst also aus dem Hause nicht die geringste Unterstützung. Wie aber derselbe schon für sich allein im Stande ist, die nach dieser Seite hin vorhandenen Anlagen zu entwickeln, darüber hat uns der Maler Feodor Flinzer überraschende Ausschlüsse geliefert.
Flinzer, dessen Zeichenmethode auf sächsischen Schulen, insbesondere in Leipzig eiugeführt ist, bringt es mittelst eines nur dreijährigen Kursus dahin, daß jedes Schulkind ohne Ausnah me nicht allein Naturformen nachbilden, sondern auch geometrisches Blumen- und Fruchtornament frei zu componiren lernt. Dieses Resultat erklärt sich folgendermaßen. Der Trieb, von den Dingen ein Bildniß und Gleichniß zu machen, wohnt allen Menschen inne und tritt nur deshalb ausnahmsweise zu Tage, weil ihn einseitig wissenschaftliche Schulbildung in den meisten Fällen hat verkümmern lassen. Wo aber derselbe sich kundgibt, da pflegen ihn die Leute auf vorhandenes Malertalent zu deuten, eine Art von Götterfunken, so glaubt man, von dem besonders Auserwählte hier und da angeflogen werden. Wer 'möchte es liebenden Eltern verdenken, wenn sie erwiesen haben möchten, daß es in einem ihrer Sprößlinge glimmt? Fast immer jedoch ist das sogenannte Talent, welches Knaben manchmal schon erkennen lassen, ehe ihnen Zeichenunterricht ertheilt worden ist, nichts Anderes, als jene allgemeine Naturanlage und berechtigt durchaus nicht, eine Prädestination zur Kunst für erwiesen zu halten. Doch wie offenbart sich denn diese, zugegeben, die Basis der angeborenen Nachahmungsfähigkeit sei vorhanden? Mit kurzen Worten gesagt: als Einbildungskraft, wohlverstanden nicht bloß im Sinne des Fabulirens, sondern als die Kraft überhaupt, den springenden Punkt in der Erscheinung — die Idee derselben — zu erfassen. Hier berühren wir die Grenze, deren Ueber- schreitung dem stilllebenhaften Dilettantenthum — aber auch der zünftigen Abmalerei — unbedingt versagt bleibt. Ich meine, wenn unsere Akademien an dieser freilich durch Definition nicht bestimmbaren Grenze eine Musterung ihrer Schüler vornähmen, um über deren Verbleib zu entscheiden, dann würde man bald Hunderte von Staffeleien geräumt sehen — zum Heil der Enttäuschten.
Ob es noch einmal dahin kommt, daß Jedermann in der Schule ebenso zeichnen, wie schreiben und Auge und Hand nur einigermaßen bildnerisch zu befriedigen lernt? Geschähe es, dann wäre vielleicht die Brücke über den Abgrund zwischen Laien und Künstlern geschlagen, und gewiß bliebe mancher Traum von Malerglück ungeträumt, dessen Ersüllung heute so viele grollende Fragen an das Schicksal hervorruft. —