Neue Grübeleien eines Malers.
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Nicht nur im Bereiche des Kindes, im Schaffensgebiet der bildenden Kunst überhaupt äußert sich der Werth des Andeutenden und zwar bei der Zeichnung als Entwurf, bei der Malerei als Skizze. Wer formell oder farbig das Organische und Ursächliche der Bewegung herauszuarbeiten trachtet, tendirt unwillkürlich nach der Seite der Wissenschaft, erreicht die Kühlheit und Klarheit wissenschaftlicher Wahrheiten. Beim Künstler gilt aber das Richtige nicht immer als das Rechte. Er soll eine Vorstellung nicht erschöpfen, dem Betrachtenden sein Stück Mitarbeit übrig lassen.
In der Skizze wird Alles gesagt und doch das Meiste verschwiegen, die Fertigkeitsprobe nicht angetreten, das letzte Wort nicht gesprochen, dem Laien aber durch Voraussetzung seines kunstverständigen Entgegenkommens geschmeichelt. Und was besonders ins Gewicht fällt, ihre wirkliche oder scheinbare Mühelosigkeit erzeugt ein Gefühl des Behagens. Heutzutage nützt man diese Vortheile gründlich aus, verwerthet die Skizze als Zweck, nicht als Mittel und charakterisirt damit so recht die nervöse und ansatzreiche Art der Jetztzeit.
Unbefangen, handwerklich gewissenhaft, mit zielbewußtem Aufbau schufen die alten Meister, liebevoll in beschränkten Jdeenkreisen verharrend. Sie erhoben keinen Anspruch auf das, was wir Geist nennen, was nicht zu zähmen ist und durchaus über die Deichsel springen muß. Die Vergangenheit hat uns eine geringe Zahl von skizzenhaften Bildern überliefert, und wahrscheinlich sind manche derselben nur in Folge äußerer Verhältnisse unvollendet geblieben.
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