Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.
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seinem philologischen Seminar nicht in aller Form als Mitglied angehörte, sondern sich nur „zu ihm hielt", so zählte ihn doch Heyne schon damals zu seinen ausgezeichnetsten Schülern. Daß er mit Vorliebe die Philologie betrieb, beweisen noch jetzt die Ausleiheregister der Göttinger Bibliothek, nach welchen seine Benutzung derselben mindestens zur Hälfte philologischen Werken gegolten hat. Auch Alexander, welcher ihm Ostern 1789 nach Göttingen folgte, hebt dieselben Studien hervor, wenn er das Facit aus Wilhelm's Göttinger Aufenthalt zieht*): „Meinem Bruder hat der hiesige Aufenthalt trefflich genützt. Du glaubst nicht, mit welchem Sinne man hier Alles zu betrachten ansängt. . . . Heyne hat von ihm gesagt, er habe lange keinen so trefflichen Philologen aus seiner Schule entlassen. Nimm dazu seine schönen juristischen, historischen und politischen Kenntnisse, seine tiefe Einsicht in das Kantische System . seine italienischen, französischen und englischen Sprachkenntniffe, und Du mußt gestehen, daß Du wenige seinesgleichen kennst, die nicht ex ^rokesso sind."
Wilhelm freilich war der letzte, der diese Kenntnisse für das einzig Erstrebenswertste oder auch nur für die Hauptsache in seiner Ausbildung gehalten hätte. In seltener Weise war in ihm mit einem scharfen Verstände, dem noch die Schule der Berliner Aufklärung zugute gekommen war, tiefe Empfindsamkeit verbunden, und wenn er sich über seine frühere Erziehung beklagt, welche diese zu Gunsten des Verstandes zurückzudrängen und zu unterdrücken suchte, so war er jetzt, da er über sich selbst verfügen konnte, nicht geneigt, ihr das Recht zu verkümmern. Pflege und Verfeinerung des Gefühls durch Freundschaft und Liebe, Bildung des Charakters durch Umgang mit mancherlei Menschen, das war ihm mindestens ebenso Ziel und Bedürfniß, wie die Aneignung positiver Kenntnisse, und wie er Kant studirte aus eigenem Antriebe, ohne daß ihm in Göttingen dazu irgendwelche Anregung wurde, so wußte er auch für die Bildung des Herzens und Charakters die rechten Wege zu finden.
Denn Göttingen war kein geselliger Ort, wo sich leicht Gelegenheit zu näherem Verkehr geboten hätte. Nur einen unter den Commilitonen, mit denen er auf vertrauterem Fuße steht, nennt Wilhelm von Humboldt wiederholt als eigentlichen Freund, den späteren hannoverschen Leibarzt Stieglitz. Mit ihm kam er jeden Abend zusammen (vor neun Uhr auszugehen erlaubte der „affectirte Göttinger Fleiß" nicht), und dann sahen sie sich einige Stunden, oft ganze Nächte, um über Alles zu sprechen, was irgend in ihrem Gesichtskreise lag. Von einigen wenigen Anderen hören wir nur ganz gelegentlich, darunter August Wilhelm von Schlegel, „ein junger Dichterling, mit dem ich ziemlich viel umgehe". Am meisten jedoch vermißte er den näheren Umgang mit geistreichen und empfindsamen Frauen, wie er ihn in Berlin im Kreis der Henriette Herz genossen hatte. Therese Förster, Heyne's Tochter, welche ihm einigen Ersatz dafür zu versprechen schien, siedelte schon im Herbst mit ihrem Gatten nach Mainz über. Nach ihrem Weggange erwähnt er nur ihre Schwester, „Mamsell Heyne", mit der er vertraut zu werden hofft und bei deren Stiefmutter er sich einführen lassen will, obgleich jene auch
i) In einem Briefe an seinen Freund Wegener in Frankfurt (Brnhns, Alexander von Humvoldt, Bd. I, S. 86).