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Deutsche Rundschau.
allein Besuche empfängt; ferner Frau Emilie von Berlepsch, allerdings mit dem wenig schmeichelhaften Zusatz: „die Dichterin, eine eingebildete, eitle, geschwätzige, nicht einmal sehr geistvolle Frau. Ich gehe aber doch manchmal zu ihr." Man sieht, er war in der „Einöde", wie er sagt, genügsam geworden.
Aber was die Bewohner nicht boten, das konnte die günstige Lage des Ortes einigermaßen ersetzen, und so sehen wir ihn bald auf Ausflügen nach allen Richtungen : nach Mainz zu Försters und von da den Rhein hinab nach Pempelfort zu Jacobi, dann, um mit diesem wieder zusammenzutreffen, nach Pyrmont, wo er drei Tage mit der durch ihren späteren Briefwechsel mit ihm bekannt gewordenen „Freundin", Charlotte Diede, verlebt, und nach Hannover, wo er Rehberg und andere interessante Persönlichkeiten kennen lernt, endlich, wovon weiter die Rede sein wird, nach dem Harz und Thüringen. Und schließlich hatte man noch den brieflichen Verkehr mit den Berliner Freunden und Freundinnen, in welchem man nach Herzenslust in Gefühlen schwelgen und zugleich über dieselben reflectiren und sie analysiren konnte.
An diesen Berliner Kreis knüpfte ihn noch ein Band besonderer Art- Als er gegen Weihnachten 1787 auf einige Tage allein, ohne seinen Bruder und Kunth, von Frankfurt nach Berlin gekommen war, hatte ihm sein Freund Karl von Laroche eröffnet, daß zwischen ihm, Henriette Herz und ihrer Schwester Brenna ein Bund bestehe, mit dem Zweck gegenseitiger Beglückung und Veredelung durch Freundschaft und Liebe. Geheime Gesellschaften entsprachen ganz dem Zuge der Zeit, und gerade in diesem Jahre befand man sich unter dem Eindrücke der zahlreichen Streitschriften, welche die Aufhebung des Illuminatenordens hervorgerufen hatte. So wird auch bei Humboldt der Gedanke auf empfänglichen Boden gefallen sein. Man nahm ihn in den Bund auf, sobald man ihm die aufgesetzten „Vorschriften" vorgelesen hatte. Diese zogen, wie er selbst nachher erzählt, die Bande so eug zusammen, „daß Jeder alle Geheimnisse des Andern weiß, daß Keiner etwas thun kann, ohne daß es der Andre erführe und daß — was noch mehr ist — Umgang, Handlungen, Art zu leben und zu denken eines Jeden gewissermaßen von den Andern abhängt". Das brüderliche Du verband die Mitglieder, in deren Zusammenkünften es nicht an den damals allerdings nicht so schwer wiegenden Umarmungen und Küssen mangelte. Bundeszeichen waren ein Ring und ein Cirkel. Selbstverständlich war strengste Geheimhaltung Pflicht, und um diese auch für die Briefe zu sichern, stellte auf Henriette's Vorschlag Laroche eine Chiffernschrift auf, ein System willkürlicher Zeichen für die einzelnen Buchstaben, das trotz seiner Ungelenkheit dem überschwenglichen Gefühl und den empfindsamen Ergüssen der Bundesbriefe glücklicherweise nicht hinderlich wurde. Man wandte es nämlich nur in den Eigennamen an oder in Wendungen, welche sich speciell auf die „Verbündung" oder den „Cirkel" (in der Chiffernsprache G wie im Illuminatenorden, aber abweichend von diesem immer generis tsmiuiui) bezogen, und es hätte in dieser Vereinzelung der Entzifferung auch durch Uneingeweihte damals Wohl ebenso wenig Schwierigkeiten gemacht wie jetzt. Die „Weiber" brauchten daher die Vorsicht, sich ihre Briefe zurückschicken zu lassen, um sie zu vernichten. Dagegen haben sich von denen Humboldts eine größere Anzahl erhalten, die bisher bekannten vorzugsweise an Henriette Herz gerichteten in Varn-