Aus Wilhelm von Humboldl's Studienjahren.
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hagen's Nachlaß, aus dem sie von Ludmilla Assiug (Briefe an Chamisso, Gneisenau u. s. w. Band I, 1867, Brief 15 ff.) veröffentlicht worden sind, allerdings mit einigen von Varnhagen selbst herrührenden Fehlern in der Auflösung der Namenschiffern, welche zusammen mit den ganz unzuverlässigen Angaben in den Memoiren der Henriette Herz geeignet sind, Jrrthümer zu erwecken. Von dem Tone indeß, der im Bunde herrschte, geben jene Briese, namentlich die von Frankfurt aus geschriebenen, ein so hinreichendes Bild, daß die weiteren ans der Zeit vom 1. September 1788 bis 6. Juli 1790, welche mir für die gegenwärtige Veröffentlichung vorliegen, in dieser Beziehung nichts wesentlich Neues bieten können. Es wird deshalb genügen, aus ihnen diejenigen Stücke herauszuheben, welche für die Kenntniß von Hnmboldlls innerer Entwickelung und äußerem Lebensgang bedeutsam sind. Denn in der That lohnt es sich nur darum, bei diesem „Geheimbund", der uns jetzt doch höchstens als Tändelei erscheint, so lange zu verweilen, weil für Humboldt charakteristisch ist, wie er ihn auffaßt und seinen Ideen anzupassen sucht, und weil der Bund ihm die Bekanntschaft von Personen vermittelte, welche für sein Leben von entscheidender Bedeutung werden sollten. Daß zumeist gerade diese Personen die Adressaten sind, erhöht das Interesse der Briefe, welche hier mitgetheilt werden sollen. Zu ihrer Erläuterung bedarf es nur weniger Vor- nnd Zwischenbemerkungen.
Die Seele des Bundes war von Anfang an Karl von Laroche gewesen, der zweite Sohn der Sophie von Laroche, welcher, begünstigt durch den Minister von Heinitz, sich dem preußischen Salinendienst gewidmet hatte. Von einnehmendem Aeußeren — er galt für einen sehr schönen Mann — und großer Sentimentalität war er allerdings an Geist Humboldt durchaus nicht ebenbürtig, mit dem er sich in der Verehrung für Henriette Herz begegnete. Im Begriff nach Schönebeck abzureisen, um an der dortigen Saline — noch ohne eigentliche Anstellung — zu arbeiten H, hatte er mit Henriette den Bund verabredet, hatte selbst die „Vorschriften" verfaßt und war nun nach Humboldt's Aufnahme auch weiter bestrebt, ihm Mitglieder zuzuführen. Schon früher hatte er, sei es an ihrem gewöhnlichen Wohnort Erfurt, sei es auf ihrem Familiengut Burgörner bei Hettstädt in der Grafschaft Mansfeld, die Tochter des Kammerpräsidenten von Dacheröden, Karoline, kennen gelernt. Sie wird von verschiedenen Seiten als eine ungewöhnlich ideale Erscheinung geschildert. Zwar war sie nicht vollkommen schön, sogar etwas verwachsen, aber im Ausdruck des Gesichtes und in ihrem ganzen Wesen besaß sie etwas ungemein Anziehendes, und eine gewisse schwärmerische Schwermuth, welche öftere Krankheit und der Gedanke an einen frühen Tod gefördert und auch die Erziehung durch Zacharias Becker eher begünstigt als unterdrückt hatte, schien sie über den Kreis des Irdischen hinauszuheben. Für den gefühlvollen Bund war sie wie geschaffen, und Laroche, welcher
0 Nach actenmäßigen Ermittelungen, welche mir freundlichst zur Verfügung gestellt werden, wurde er erst im Mai 1790 fest angestellt, und zwar als Mitglied des Salzamtes bei der fiskalischen Saline Halle. Von da ging er 1792 in gleicher Eigenschaft wieder nach Schönebeck und 1804 als Mitglied der General-Salzadministration nach Berlin, wo er 1834 als Geheimer Oberbergrath das fünfzigjährige Dienstjubilüum beging. Aus diesem Datum ergibt sich, daß sein Eintritt in den preußischen Dienst schon von 1784 gerechnet wurde.