Heft 
(1891) 66
Seite
232
Einzelbild herunterladen

232

Deutsche Rundschau.

Von Schönebeck aus öfter Reisen unternahm, säumte nicht, sie bei erster Gelegen­heit aufzunehmen. Es mag ungefähr zur selben Zeit geschehen sein, als Hum­boldt in Göttingen ankam. Dieser war nicht wenig begierig, die neue Ver­bündete kennen zu lernen, und eine Harzreise, welche er bereits Mitte Mai mit Laroche machte (nicht mit Kunth, wie in den gedruckten Briefen steht), sollte den beiden Freunden Gelegenheit bieten, sie in Burgörner zu besuchen. Aus un­bekannten Gründen kam der Plan nicht zur Ausführung; vermutlich war Karoline noch nicht dort eingetroffen. Aber sobald es seine akademischen Studien gestatten, in der zweiten Hälfte des August, sehen wir Humboldt wieder nach Burgörner eilen, diesmal nicht umsonst. Es war nur ein ganz kurzes Bei­sammensein mit Lina so oderLi" hieß sie unter den Freunden; aber durch die Bundesbrüderschaft schnell mit ihr vertraut geworden, konnte er sich ganz dem Zauber hingeben, den sie auch aus ihn ausübte. Noch lag jedoch der Gedanke, sie zu besitzen, ihm gänzlich fern; im Gegentheil glaubte er sie dem Freunde bestimmt.

Der Brief, den er nach seiner Rückkehr von Göttingen aus an sie schrieb, vielleicht überhaupt der erste, den er direct an sie richtete, ist uns erhalten und verdient als solcher mitgetheilt zu werden, wenn er auch weder nach Form noch Gedanken auf der Höhe derer steht, welche Humboldt ein oder zwei Jahre später schreibt. Aber gerade der Vergleich wird veranschaulichen, welche Entwickelung er in dieser Zeit durchmachte.

i.

Den 1. September.

Ach! L., heute sind's 8 Tage seit ich Dich nicht sah! Warum könnt' ich sie nicht zu der Länge eines Lebens ausdehnen, die Augenblicke, da ich in wonnevoller Entzückung in Deinen Armen lag! Auch Du warst ja glücklich. Ich las es aus Deinen Blicken. Und sagtest Du mir nicht selbst:ich bin immer glücklich, W., wenn ich nur glücklich mache!" und machtest Du mich nicht glücklich?

Was ich empfand, als ich beim Wegreiten wieder durch Burgörner ritt, als ich an der Laube vorbeikam, wo ich jene namenlosen Freuden genossen hatte, als ich Dein Haus sah, als ich, wo ich hinblickte, eine Stelle sah, wo ich mit Dir gestanden, mit Dir gegangen, wo ich so unendlich glücklich gewesen war. Und die Nacht drauf. Ich ritt die Nacht durch verzeih, Du wolltest es nicht, aber ich war schon länger geblieben, ich mußte eilen wie war mir da so Weh, so bang, und doch dabei wie wohl, denn ich war so allein, die ganze Natur und das Hab' ich so gern fympathisirte mit meinen Gefühlen. Es war so finster um mich her, lauter düstre Regenwolken, nur hier und da ein fernes Wetterleuchten. Ich kam durch ein Dorf durch, wo ich Musik und Tanz fand. Den Eindruck kann ich Dir nicht beschreiben. Diese lärmende Freude in dem Augen­blick, da mein Herz so wehmüthig gestimmt, da es nur für die sanftern, stilleren Gefühle, zu welchen die Wchmuth selbst gehört, empfänglich war ich ritt so schnell ich konnte fort. Und nun, seitdem ich hier bin, leb ich und bin ich noch immer bei Dir. Der Gedanke der Trennung hat meine Seele noch keinen Augenblick verlassen, ich kann selbst meinen vertrauteren Freunden, deren ich doch auch einige hier habe, noch nicht das wieder sein, was ich ihnen sonst war. Ich bin zu voll von dem Gefühl Dich besessen und Dich wieder verloren zu haben. Ach! Verzeih mir, L., Tein W. ist schwach, den Gedanken der Trennung kann sein Herz oft nicht tragen. Aber es wird austoben, dieses dumpfe Gefühl, und dann wird übrig bleiben, was allein unser und unsrer heiligen (-) ganz würdig ist, jene erhabene genügsame Liebe, die die Seelen verschwistert, wenngleich weite Räume die Körper trennen.

Und was machst Du denn, meine traute, liebe, süße Li! Ach! Auch in Deinem Auge las ich tiefes Gefühl des Schmerzes bei der ersten Trennung nach kurzem Genuß. Du batest mich