Heft 
(1891) 66
Seite
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Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.

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noch so zu bleiben; es hätte Dich glücklicher gemacht. Wie es mir durch die Seele ging, Dir, Dir einen Einziggeliebten, das abzuschlagen. Und doch mußte ich es. Ach! Hütte ich bleiben können, nie trennte ich mich von Deiner Seite. Aber nicht wahr, L., wir sind doch jetzt weit, weit glücklicher als wir ehemals waren? Wir haben uns nun gesehen. Du hast mich Bruder, ich Dich Schwester gegrüßt, wir haben die Frucht der Liebe unsres K(arl)'s, die seligen Freuden der G genossen. Unsre Seelen sind jetzt einander näher. O! L., wie soll ich Dir danken für das, was Du mir gabst in jenen Stunden, da ich an Deinem Busen lag. ungestört und ohne Zeugen? Ach, ich wagte es nicht, diese Liebe zu hoffen. Furchtsam harrte ich Dein in der Laube. Wird sie mich auch lieben, fragte ich mich oft. O! ich glaube so selten, geliebt zu werden. Das macht mich oft sehr unglücklich. Sage mir, meine L., woher das kommt? Auch B(renna) gehts so. Eben dies Mißtrauen verbitterte oft ihre Tage. Aber Du liebst mich, L., o! von Dir glaubt es mein Herz mit hoher Zuversicht. Und Du wirst mich immer so lieben. Wen L.'s Herz einmal liebte, den liebt es, so lang es lieben kann. Lerne mich nur recht genau kennen. Erforsche jede meiner guten Eigenschaften, aber auch jeden meiner Fehler. Ohne das ist Liebe Täuschung, o! und eine gefährliche Täuschung! Ich fürchte Dein Auge nicht. Mein Herz ist gut und weich, und das wirst Du immer lieben, und die Fehler, die Schwächen auch, die Du findest, die wirst Du bessern. Mache mich ganz so, wie Du mich sehn möchtest. Den größten Theil der Bildung meines Herzens dank ich unserer Aettejft. Wie geändert bin ich, seit ich sie kenne. Aber schon lang bin ich von ihr entfernt. Schon ein ganzes Jahr. Denn was sind 14 kurze, schnell ver­rinnende Tage! Und wenn wir Männer so allein sind, so ohne Umgang für die Empfindung, und so vorzüglich in gewissen Lagen, wie in der, in der ich jetzt bin, da werden wir gar nicht gut. Da werden wir eitel, rauh, stumpf gegen die höhern Gefühle. O! L., wo Du das findest, da sag es mir, da bessre es. Dein W. wird Dir folgen, und es wird Dich glücklicher machen, wenn Du fühlst, daß Du ihn für sich, für Dich, für Deine übrigen Verbündete besser gemacht hast. Ihr Weiber seid darin sehr glücklich, Ihr könnt so mächtig auf nicht ganz unedle Jünglinge wirken, könnt sie für ihr ganzes Leben umbilden, könnt sie glücklicher machen, und dadurch glücklicher sein. Und wir, wir, die ein engeres Band umschließt, wir sind uns das einer dem andern schuldig. Wenn wir es nun einmal werden mehr erreicht haben, dieses Ziel, wenn wir werden besser geworden sein, und besser einer durch den andern, und werden dann zurückblicken auf diese Jahre der Jugend, wo wir zuerst uns fanden o! L., hast Du ein Herz, dies selige Gefühl zu fassen? Dies ist der Ruhepunkt, zu dem jetzt jeder meiner Gedanken sich drängt, an dem ich so gern verweile.

Ich habe Dir ein zeigbares Briefchen geschrieben. Sage mirs, ob's so gut war. Ich kann gar nicht schreiben, wenn mein Herz keinen Theil nehmen darf. Ich glaube eine größere Kor­respondenz würde uns beiden möglich sein. Sie würde unfern Verstand bilden, ich könnte so vieles von Dir noch lernen, Du wieder vielleicht manches von mir. Gefällt Dir der Plan, so antworte mir ein bischen ausführlich, wähle einen Gegenstand, welchen Du willst, gieb mir aber Gelegenheit Dir wieder etwas Wichtigeres zu antworten, und mach, daß die Briefe um etwas minder steif werden, daß nur erst statt Fräulein Freundin steht.

An K(arl) Hab ich aus Nordhausen geschrieben, den Morgen um 5 Uhr, nachdem ich ein bischen geschlafen hatte. Wo er den Brief bekommen wird, weiß Gott 2). Bald wirst Tu ihn nun wieder sehn, meine L., Deinen K. und wirst wieder glücklich sein mit ihm, wie Du es so oft warst. Dann denkt beide an Euren W. Und ich ach! ich, theure L., sehe Dich erst in Erfurt, vielleicht erst in 5 Monaten. Aber dann wieder in Burgörner künftigen Sommer, wenigstens 8 Tage lang. Und dann ach! laß uns die Zukunft verhüllen. Vielleicht zeigt sie uns einmal unerwartet eine heitere Aussicht.

Lebe nun wohl, Freundin meiner Seele, Geliebte, Schwester! lebe wohl, sei glücklich, o! L. Du wirst geliebt, und wer geliebt wird, ist nie ganz unglücklich. Lebe Wohl, und liebe ewig

Deinen W.

ft Henriette Herz.

2) Laroche befand sich damals in England, von wo er im Herbste zurückkehrte. (Vergl. Urlichs, Charlotte von Schiller, Bd. I, S. 422.)