Heft 
(1891) 66
Seite
234
Einzelbild herunterladen

234

Deutsche Rundschau.

Es sollte doch noch etwas eher, als Humboldt glaubte, zu einem Wiedersehen kommen. Inzwischen pflegte er eisrig den ungebahnten Briefwechsel mit Lina, neben dem geheimen einenzeigbaren", von welchem er an die anderen Freunde schreibt (Varnhagen S. 114), er behandle so ernsthafte Gegenstände, daß er nach seinem ersten Briese beinahe gefürchtet habe, von ihr oder ihrem Vater deswegen ausgelacht zu werden.Sie hat mir geantwortet, einen so reis überdachten, so männlich geschriebenen Brief, wie ich noch von wenig Weiberhänden las." Der­selbe Geist der Reflexion herrscht in einemgeheimen" Briefe vor, den er un­mittelbar nach der Mainzer Reise an sie schrieb. Es ist als Zeichen des früh in ihm entwickelten diplomatischen Talentes interessant, wie er durch Eingehen auf ihre Empfindungen versucht, sie zu seinen Gedanken herüberzuleiten.

II.

Göttingen, den 16. November.

Zürne nicht, L., auf Deinen W., daß er Deinen lieben, theuren Brief so spät erst beant­wortet. Ich bin nur 8 Tage seit meiner Reise wieder hier, und in den 8 Togen hatte ich soviel Geschäfte und Briefe, die keinen Aufschub litten, daß ich Dir unmöglich eher antworten konnte. Wie gern, wie herzlich dankte ich Dir, meine L., für die liebevollen Gesinnungen, für die zärt­lichen Äußerungen, die Dein Brief enthält. Aber kann man für so etwas auch danken, auch mit Worten danken? Nein, die glühende Liebe allein, mit der mein Herz Dich umfaßt, die, die allein soll Dir Dank sein! Warum entschuldigst Du Dich so ängstlich wegen den Empfindungen, die der Anblick des Weges nach Sangerhausen und der Thürme von Nordhauscn in Dir hervor­brachte? Gewiß, Tein W. und keiner, der zu unsrem Kreise gehört, wird das für Empfindklei halten, was er selbst so oft fühlte, was ihn so oft beseligte. Ist es nicht so natürlich, wenn Scenen der Vergangenheit bei gewissen leblosen Gegenständen recht lebhaft wieder in uns wach werden, das Frohe, Beglückende, was in jenen Erinnerungen liegt, auf diese Gegenstände zu über­tragen? Laß uns ja, meine Theure, wahre Empfindsamkeit und Empfindelei recht genau unter­scheiden, daß wir nicht aus Furcht zu empfindeln, muthwillig die Freuden zerknicken, die wahres, tief empfundnes, aber nicht überspanntes Gefühl uns gewährt, daß wir uns nicht die Seligkeiten rauben, ohne die wir nie glücklich, ohne die wir nicht gut und tugendhaft sein können. Freund­schaft und Liebe sollen uns beglücken, sie sollen wir ganz genießen, in ihnen sollen wir leben, weben und fein. Denn was ist die Liebe, wenn nicht hochgespanntes Gefühl der gegenseitigen, aber verschiedenartigen Vollkommenheit, der festeren Stärke des Mannes, der sanfteren Schwäche des Weibes, wenn nicht der Genuß aus der Vereinigung beider Gefühle. Das Weib schmiegt sich an die Stärke des Mannes an, und ihn beglückt es zu sehn, wie ein Geschöpf, selbst höher Voll­kommenheiten voll, nun durch ihn seststeht, durch ihn und in ihm lebt, denkt und empfindet. Sie aber beseligt der Gedanke durch ihre schwächere Sanftheit den Mann milder, weicher, fühlender, ihn erst recht fähig zu machen, Freude zu empfinden und um sich her zu verbreiten. Mit jedem Tage wird die Vereinigung inniger, schmelzen die Gefühle mehr in einander, und bringen Früchte der edelsten Tugenden hervor. Eitelkeit und Selbstsucht fliehen, Selbstverleugnung, großmüthige Aufopferung, Gleichgültigkeit gegen eigenes, thätiger Eifer für fremdes Glück, kurz jede bürgerliche und gesellige Tugend blüht auf. Verschieden, aber nicht minder beglückend sind die Bande, die Freunde mit einander vereinen. Liebe fordert immer eine Vollkommenheit, die nur halb da wäre, gattete sie sich nicht mit der schwesterlichen Vollkommenheit Stärke des Mannes, Sanftheit des Weibes. Nicht so die Freundschaft. Sie beruht auf gänzlicher Übereinstimmung der Gesinnungen, Daher trachtet auch nicht der Freund, wie der Liebende, sich hinaus aus seinem Ich in den andern hinüber zu versetzen. Nur von tiefer Achtung gegen einander durchdrungen, von warmer Anhäng­lichkeit an einander gefesselt gehen Freunde Hand in Hand, schätzen, pflegen, warten einander. Keiner will hinter dem andern Zurückbleiben, jeden feuert das Beispiel des andern an, und so schwingen sie sich von einer Stufe der Vollkommenheit zur andern empor. Sage nun, L., wer, wer wollte irgend ein Gefühl, das an Freundschaft und Liebe gränzt, Empfindelei nennen? Empfindelei ist es nur dann, wenn es Dinge zu Gegenständen hat, die an sich keine Gefühle