Heft 
(1891) 66
Seite
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Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.

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erregen können, und die man doch für mehr ansieht, als für Zeichen, die an Scenen der Ver­gangenheit erinnern, oder die Hoffnung von Scenen der Zukunft erregen, kurz wenn nicht das Herz gerührt wird, wenn nur die Einbildungskraft spielt. Und davor ist jeder sicher, der nur einmal wahrhaft liebte, jeder, der einmal wahrhaft empfand, nicht Empfindungen heuchelte. Freilich giebt es nun noch eine Art, wenn nicht der Empfindelei, aber doch der schädlichen Empfindsamkeit, ich meine die, wenn das Herz sich zu sehr der Empfindung überläßt, wenn der Kopf nicht genug und nicht immer auch über jedes Gefühl raisonnirt. Denn dann kommt man nur zu leicht und ohne es selbst zu bemerken dahin, nicht mehr in einer wirklichen, sondern bloß in einer Ideenwelt zu leben. O! und das schadet sehr, das bringt die folterndste aller Stim­mungen, unaufhaltbare Sehnsucht, in uns hervor, läßt uns die Freuden vernachlässigen, die vor uns sind, und nach Freuden Haschen, die nie unser werden. Davor, theure L., hüte ich mich sehr, und es ist so leicht, dahinein zu verfallen. Aber weißt Du, wie ichs mache, daß ich, wie getrennt ich auch von Euch bin, doch ruhig, doch glücklich lebe? Ihr lehrtet es mich, Euer Beispiel, B(renna), J(ette) und o! das Deine, meine Jnniggeliebte! Ja, ich seh Dich, seh Dich in einer weit schlimmeren, weit gepreßteren Lage, so ruhig, so duldend! seh wie Du nie Deinem Herzen einen Schritt weiter als Deinem Kopfe erlaubtest! Verzeihe dies lange Geschwätz. Aber ich räsonnire so gern über alles, was ich und was andere denken und empfinden, und Dir theile ich mein Raisonnement so gern mit, weil ich weiß, daß Du es berichtigen kannst, und weil ich Dich so innig, innig liebe.

Kar(oline) wird also nun unser! Wird es bald? Soll es durch mich, vielleicht bei Dir werden? Gott! welche Scenen der Wonne werden das sein. Aber laß uns nicht daran denken. Noch liegt viel zwischen der Ausführung des Plans, und ich nähre nicht gern vergebene Hoff­nungen.

Schreibe mir, sobald Du kannst, wann Dalberg und wann Kar. nach Erfurt kommt, und wie lange sie bleiben.

Lebe wohl, lebe wohl, meine geliebte, theure L. O! möchtest Du es ganz fühlen, welche innige Liebe mein Herz für Dich durchdringt!

Dein W.

Während Humboldt hier andeutet, daß der Bund durch ihn einen Zuwachs erfahren soll, glaubten die Berliner Mitglieder Ursache zu haben, mit ihm un­zufrieden zu sein. Durch den Besuch in Mainz war das freundschaftliche Ver- hältniß zu Försters und besonders zu Frau Förster aufs Neue befestigt worden, und es hatte sich daran ein Briefwechsel auch mit Letzterer geknüpft. Ihren ersten Brief leider ist weder dieser noch ein anderer erhalten sandte Hum­boldt selbst den Berliner Freundinnen mit einem zugleich an Karl von Laroche gerichteten Schreiben vom 30. November, dessen übriger Inhalt von geringerem Interesse ist.

m.

.Ich schicke Euch hier einen Brief mit von der Förster. Ich thue es in doppelter

Absicht. Einmal weil der Brief wirklich, wenn man ihn aus dem rechten Gesichtspunkt betrachtet, sehr schön ist, und dann weil sie darin sehr viel von mir sagt, und es Euch wichtig sein muß zu wissen, wie mich eine Frau, die soviel Menschenkenntniß hat, als die Förster, beurtheilt. Ihr saht mich nun in 7 Monaten nicht, und da sich in der Zeit meine ganze Lage verändert hat, so hat sich auch natürlich damit mein Charakter wenigstens umgestimmt. Um aber den Brief selbst richtig zu beurtheilen, müßtet Ihr freilich die Förster selbst gesprochen und gesehn haben. Sie hat ein ganz eignes, äußerst durchdachtes und konsequentes, wenngleich vielleicht falsches System, und in diesem System ist der ganze Brief geschrieben. Von ihrer Lage muß ich Euch soviel