236
Deutsche Rundschau.
sagen: Sie liebte als sie heirathete und liebt noch^). Sie ist unbeschreiblich lebhaft, hat eine wirklich rastlose Thätigkeit des Geistes, und ein so tiefes wahres Gefühl, als ich bei wenig Frauen fand. Ihr Mann ist gut, sanft, gescheut, gelehrt und ungeheuer in sie verliebt. Aber er ist schwach — und das haßt sie — er ist phlegmatisch, fühlt nicht wie sie, versteht sie nicht, kann ihr nicht nach. Sie liebt ihn also nicht und nun geht es ihr gerade, wie Euch, meine Lieben, nur daß es sie unglücklicher macht, als wenigstens Dich, J(ette), weil sie lebhafter ist, und doch nichts von Deinem liebenswürdigen, glücklichen Leichtsinn hat. Darin, daß sie gern alles in sich verschließt, daß sie, um ihren Kummer zu verbergen, die Miene des Spaßes annimmt, daß alles so tief auf sie wirkt, daß alles bleibt in ihr, darin ist sie Dir, Bsrenna), sehr ähnlich, o! und das glaub ich, war es, diese Ähnlichkeit mit Dir, so inniggeliebte und nun schon so langentbehrte B., die mich mehr an sie zog. Bei dem allen ist sie ewig beschäftigt, ihrem Mann zu gefallen, sich vergnügt zu stellen, damit er sie nicht für traurig hält und selbst dadurch leidet. Die Erziehung ihrer Tochter besorgt sie mit einer Sorgfalt und nach einem so durchraisonnirten Plane, daß es einem Freude macht, es mit anzusehn. In ihrer Wirtschaft bekümmert sie sich um das größeste Detail, und hat in Polen, wo sie eine Zeitlang waren, alles selbst gemacht. Ihre Lektüre ist sehr ausgebreitet, und ihre Kenntnisse sehr mannigfaltig, vorzüglich ist alles sehr durchdacht. Aber daß sie Kenntnisse hat, merkt man nie unmittelbar, nur an den Resultaten, an dem richtigen Raisonnement, an ihren Urtheilen, an der passenden, eingreifenden, schönen Sprache. Erst hier erfuhr ich, daß sie einen Theil der Reise ihres Mannes um die Welt — einen dicken Quartbaud — aus dem Englischen übersetzt, und daß der Mann nur sehr wenig daran verbessert hat.
Diese Schilderung und die Vertrautheit, welche der nntgeschickte Brief zeigte, war den Berlinern verdächtig, welche durch die Verbindung ein Privilegium auf Humboldt's Freundschaft zu haben meinten. Er ist genöthigt, sich im nächsten Briefe an Laroche (vom 22. December) zu vertheidigen und feine Freiheit zu wahren.
IV.
.Was Du über die Förster sagst, ist wahr, allerdings ist manche Inkonsequenz in
Absicht ihres Verhältnisses zu mir in dem Brief. Das bemerkte ich wohl, nur in dem ganzen System ihrer Gedanken, da ist Konsequenz, das meint ich. Noch mehr Inkonsequenz der ersteren Art würdest Du in ihrem zweiten Briefe an mich finden. Ich kann ihn Euch aber noch nicht schicken, weil ich ihn noch beantworten muß. Selbstständigkeit nur in einem gewissen Grade tadelst Du, ich halte sie in jedem Grade gut, doch freilich am besten im höchsten. Darum wurde mir eben die Förster merkwürdig. Ich hatte wirklich diesen Sommer, durch vieles Alleinsein, durch Nachdenken mehr Selbstständigkeit gewonnen, ich äußerte nur in Briefen noch nichts davon, weil ich mit mir selbst noch nicht ins Reine war. Als ich nun nachher die Förster sah, fand ich sie so ganz auf dem nämlichen Wege. Daß Ihr geglaubt habt, Ihr Lieben, daß ich über der Förster auch nur im mindesten Euch vergessen könnte, daß ich darum nur um das mindeste weniger oft und lebhaft an Euch gedacht hätte — wie konntet Ihr das. Verzeiht mirs, aber ich sehe doch
Z Therese Heyne war schon mit Förster verlobt, als sie den geistvollen und eigenartigen Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer kennen lernte, der als Professor und Unterbibliothekar 1785 bis 1789 in Göttingen lebte. Die Neigung zu ihm, mit dem auch Förster nahe befreundet war, erhielt nach ihrer Verheiratung neue Nahrung durch den unfreiwillig langen Aufenthalt, den Förster nach Ausgabe seiner Professur in Wilna mit seiner Familie in Göttingen nehmen mußte, und während dessen Meyer täglich mit ihnen verkehrte (vergl. Elvers in der Allg. Deutschen Biographie, Bd. XIII, S. 241). Daß sie volles Glück an der Seite ihres Gatten nicht gefunden habe und nicht finden könne, empfand Therese darum in der ersten Zeit des Mainzer Aufenthaltes, von der hier die Rede ist, wohl besonders stark. Es steht damit nicht im Widerspruch, wenn Humboldt ein Jahr später (s. unten) sich freut, die Beiden glücklich mit einander leben zu sehen.