Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.
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wirklich, daß Ihr mich nicht recht kennt. Ich liebe Euch nun so innig, Ihr beschäftigt meine Seele so sehr; liebte ich Euch denn wie Knaben oder auch 20jährige Knaben gewöhnlich lieben, ist mein Sinn denn so flatterhaft, kannte ich Euch denn nicht genug, da ich anfing Euch zu lieben? O! denkt das nicht mehr. Wie unglücklich es Euch gemacht haben muß. Wenn ich das je von einem von Euch dächte, o! wie würde mir fein, wie würde mir auf einmal fehlen, was mir fonst fo alles war. Und auch mich, auch mich — warum solltet Jhrs nicht wissen? — habt Ihr tief dadurch gekränkt, ach! ich wurde schon so oft verkannt, nun auch von Euch, den Schlag erwartete ich nicht, er beugte mich tief, vor einem Jahr hätt' ich ihn kaum ertragen. Wohl mir, ich bin jetzt stärker, ich fühle eben fo tief, aber es schlägt mich nicht so nieder. O! ich will Euch keinen Vorwurf machen. Die grenzenlose Liebe, mit der mein Herz Euch umfaßt, vermag es nicht. Aber ich kann mich nicht des Gedankens erwehren, daß Ihr mich wieder einmal verkennt, daß Ihr mich alle verlaßt, daß auch die übrigen Bande zerreißen, die mich an nicht Tie knüpfen. Wie allein werd ich dann sein, wie einsam, wie öde alles um mich her! Und doch werd ich stehn, ja ich wills, aber werd' ichs können! — O weiche zurück, schaudervoller Gedanke. Ich habe nur so ein volles Vertrauen zu Euch. Gott! ich weiß nicht, was Ihr thun könntet, eh ich wagte zu denken, sie lieben mich nicht mehr in gleichem Maße.
Die Freundschaft der Förster, lieber K., werd ich nicht suchen, weil ich glaube und Deines Grundsatzes bin, daß wer da sucht, nicht findet. Aber bietet sie sich mir an, so werd' ich sie, ich gesteh's Dir offen, als Zweck, nicht als Mittel ansehn. Du sagst, das kann ableiten. Aber ich verstehe das nicht recht. Die Liebe, mit der wir uns lieben, ist ja nicht ausschließend. Sollten die, die nicht zu uns gehören, darum L.'s, J.'s, B.'s, Dein Herz entbehren? Es gibt ja so viele Grade, so viele Nüancen in Freundschaft und Liebe. Und besorgt brauchen wir gewiß nicht darum zu sein. Wie wir uns lieben, wäre es gewiß nicht möglich, daß je einer von uns einen andern mehr liebte, als seine Oten, kaum daß er ihn gleich liebte. Sei also nicht bange für mein Herz. Du brauchst Dich hierin nicht auf meine Vernunft, nicht auf meine Erfahrung zu verlassen, — aus die freilich beide nicht viel Verlaß sein mag — nur auf meine Liebe zu Euch, und da wirst Du Dich nie täuschen.
Ich reise morgen zu L. Ich werde 4 Tage bei ihr oder vielmehr nur 3 bei ihr und Einen bei Kar. sein. Ach! K. wie klopft mir schon sehnsuchtsvoll das Herz. Nur Dir, nur Dir könnte ich die Seligkeit abtreten L. zu sehn. Ihr habt noch 2 Briefe von ihr an mich. Gebt sie mir doch wieder. Ich habe so wenig, und ich lese so gern, was Ihr alle mir schriebt. Wenn ich kann, so nehme ich Kar. auf. Aber wirds möglich sein, in Einem Tage, oder höchstens in zweien? Ich denke, L. soll sie in einem Briefe bitten, mich allein zu sehn, weil ich etwas von ihr zu sagen hätte. Dann thu ichs; vorbereitet ist sie genug, und es ist recht gut, wenn der Eindruck bei der Aufnahme tief ist, und das muß er sein, wenn ein ganz fremder Mensch, den sie zum erstenmal sieht, sie aufnimmt. O! ich schwimme schon in den Seligkeiten, die mir das alles gewähren wird. Nur werd ich mich klug auch wegen des Mannes nehmen müssen. Ueberhaupt werde ich sehr auf meiner Hut sein müssen. Ich weiß so wenig von ihr, vorzüglich von ihrer äußern Lage. Ich bat Dich einmal, lieber K., mir ausführlich von ihr zu schreiben, aber verzeih mirs. Du solltest in solchem Schreiben nicht so sein. Du sagtest mir keine Silbe von ihr, und wer weiß, wie viel Zeit ich habe, mit L. allein zu sprechen. Jndeß seid versichert, was meine Klugheit vermag, soll geschehn. Ich schreib Euch noch von der Reise. Eure Briefe addressirt nur alle hierher, wie immer. Schreibt mir aber doch ja.
Lebt wohl. Ewig, ewig Euer W.
Die Freundin Lina's, welche Humboldt in den Bund aufnehmen will, ist keine andere als Karoline geb. von Lengefeld, welche, seit einigen Jahren mit dem Geheimen Legationsrath von Beulwitz verheirathet, mit Mutter und Schwester in Rudolstadt lebte. Hier hatte den letztvergangenen Sommer Schiller in stetem Verkehr mit den Schwestern zugebracht, fast noch mehr angezogen von