Heft 
(1891) 66
Seite
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Deutsche Rundschau.

dem reiferen Geist Karoline's als von der lebhafteren Anmuth der jüngeren Lotte, und stand seitdem mit beiden in regem Briefwechsels.

Die Absicht des Bundes ging nur aus die erstere. Der Vorschlag, sie auf­zunehmen, war nicht sowohl von Humboldt als von Laroche ausgegangen, und dieser eigentliche Apostel der Verbindung war im October, nach seiner Rückkehr aus England, eigens nach Rudolstadt gereist, um sie kennen zu lernen Seitdem war der Plan, den Humboldt ausführen sollte, zur Reise gekommen. Karoline ging Wohl um der Freundin willen darauf ein, wenn auch nicht ohne Bedenken und Klauseln. Wir hören davon in dem ersten Briefe, den Humboldt von Göttingen aus an sie schreibt, dem Anfang einer in herzlicher Freundschaft bis an sein Lebensende fortgesetzten Correspondenz.

v.

M. Januar 1789.

Gewiß hast Du Dich gewundert, liebe Kar-, noch keinen Bries von mir bekommen zu haben; aber gewiß wirst Du mich auch entschuldigen. Seit dem zweiten Tage meiner Rückkunft bin ich krank. Der Schnupfen, über den wir schon in Rudolstadt so viel lachten, hat sich durch die Reise nicht heilen lassen .... Ich muß noch das Zimmer hüten, und bin bis gestern zu jeder Beschäf­tigung ganz unaufgelegt gewesen. Nun gehts wieder besser und ich will versuchen Dir zu schreiben. Verzeih nur meinem Kopfe, wenn Du den Zusammenhang darin noch öfter als in andren meiner Briefe vermissest.

Es wird mir ein unvergeßlicher Abend sein, Kar., an dem ich mich von Dir trennte. Ich hatte Dich zum ersten Mal und auf so kurze Zeit gesehn, mein Herz war so voll warmer inniger Gefühle, und nun mußte ich fort, auf ungewisse Hoffnung des Wiedersehns in vielleicht erst einem halben Jahre.Sie hören, sehn, mit ihr leben würde meinen Grundsätzen mehr Festigkeit, meinem Geiste überhaupt höhere Gesichtspunkte, meinem Handeln mehr Wirksamkeit und Kraft, meinem Herzen mehr Ruhe geben; nun kann ich das alles nur kennen lernen, nur sehn wie es sein würde, könnte; muß nach zwei kurzen Tagen bei L. in eine Einöde zurück, wo nur ich mir bleibe; zwar bleiben Seelen, die einander lieben, einander immer gleich nah, zwar giebts für sie keine Trennung, aber Trennung ist doch immer Trennung, Nähe nur Möglichkeit der Mittheilung." Das alles durch­kreuzte sich auf einmal in mir, ich hatte Mühe, meine Rührung zu verbergen. Doch ich sah in Deinem Auge die Wehmuth mit Stärke gemischt, ich faßte dm Gesichtspunkt wieder, aus dem ich gern alle Dinge ansehe, und ich bekam wieder Muth. Den folgenden Abend war ich mit L. aus der Ich hatte Gelegenheit, sie länger allein zu sprechen. Ich erzählte ihr von

Dir. Du hättest sie hören müssen, das liebe Geschöpf, wie sie sich nach allem erkundigte, was vor- gesallen war, nach jedem Wort, was Du gesagt hattest. Sie zeigte mir Deinen Brief. Ich danke Dir, meine Kar. für Deine Meinung von mir, oder vielmehr ich danke dem Schicksal, das mich so werden ließ, daß ich Dir nicht mißfalle. Doch prüfe wohl, die ersten Blicke täuschen oft. Noch manchen Fehler wirst Du an mir finden, den Du jetzt vielleicht nicht ahndest. Aber dann sag es mir. Ich weiß Wohl, daß man so etwas nicht immer sagen kann. Denn oft sieht man voraus, daß der andre es nicht verstehn wird, oder daß es ihm nicht möglich ist es zu ändern. Beides wirst Du nicht leicht zu fürchten haben. Du hast über Beurtheilung von Menschen so einerlei

I Aus diesem erfahren wir durch eine Notiz Lotte's, daß Humboldt später, als er beab­sichtigte, erst am 4. Januar 1789, nach Rudolstadt kam und bis zum anderen Tage blieb. S. Schiller und Lotte, dritte Ausgabe von W. Fielitz (1879h Bd. I, S. 197. Fielitz hat, was bei dieser Gelegenheit bemerkt sein möge, für seine Ausgabe im Schillerarchive auf Schloß Greiscn- stein auch Briese Karoline's von Dacheröden benutzt, welche sich jetzt jedenfalls im vereinigten Goethe- und Schiller-Archiv zu Weimar befinden.

2) Ebendaselbst S. 94.

3) Beim Coadjutor von Dalberg am 6. Januar (vergl. Fielitz, Bd. I, S. 197).