Aus Wilhelm von Humboldl's Studienjahren.
239
Grundsätze mit mir, bist darin so gar nicht einseitig, hast so fest die Ueberzeugung, daß es schädlich äst, wenn einer zu sehr nach dem andren sich bildet, daß nur der Baum gedeiht, der ganz aus dem eignen Stamme emporschießt; daß ich mir die Möglichkeit eines Mißverständnisses hierin zwischen mir und Dir kaum denken kann. Und bin ich einmal überzeugt, so wird es mir sehr leicht, mich zu ändern. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich eine große Herrschast über meine Launen, Stimmungen, Neigungen, kurz über mein ganzes Sein habe. Es ist nicht Verdienst an mir. Eine Reihe von Lagen, die immerfort alle meine Wünsche, Pläne, Unternehmungen vereitelte, hat mich dahin gebracht, und kann etwas Verdienst heißen, wovon der Grund nicht in uns lag? Oft Hab ich mir die Gespräche zurückgerufen, die ich den Morgen mit Dir hatte, als ich allein mit Dir war. Du hast mir die Verbindung von Seiten gezeigt, von welchen wir sonst weniger gewohnt waren sie anzusehn. Wie wichtig ist nicht schon z. B. der Gesichtspunkt, daß durch eine solche Vereinigung die Freiheit, und gerade in den wichtigsten Angelegenheiten des Menschen, eingeschränkt werden könnte. Jedes neue Verhältniß kostet eine Aufopferung eines Theils unserer Freiheit. Betrifft aber diese Aufopferung nur äußere Handlungen, so kauft man gern damit höhere Vortheile. Betrifft sie aber unser Denken, oder gar unser Empfinden, werden wir darin gehemmt, oder gegen unsren Willen nach Einer Richtung gelenkt, so ist kein Vortheil so groß, der diesen Verlust aufwügen könnte. Denn die Freiheit, die wir dann verlieren, ist unablüßliche Bedingung aller Bildung und aller Vollkommenheit. Daher muß auch, dünkt mich, die Verbindung nie einen ganz eignen, bestimmten Charakter haben. Vielmehr ist Verschiedenheit der Charaktere gut, weil sie eine gleichmäßigere Ausbildung aller Kräfte befördert. Immer wird uns doch gegenseitige Liebe, immer Interesse an dem gemeinschaftlichen Zwecke verbinden. Selbst zur Liebe, wenn man das Wort nur nicht in einem gewissen Verstände nimmt, ist eine durchgängige Uebereinstimmung nicht nothwendig. Es kann eine beträchtliche Verschiedenheit in Meinungen und Neigungen da sein, und es ist genug, wenn der Charakter des andren nur durch seine innere Kraft und Größe Achtung, durch die Fortschritte in seiner Bildung und seine Wirkungen auf andre Interesse, durch natürliche Herzensgüte und starke Theilnahme an andren Zuneigung erweckt. Die Liebe ist dann oft stärker als da, wo gewiß größere Uebereinstimmung herrscht, aber weniger wahre Größe, weniger Eigenschaften, die große Achtung und sehr lebhaftes Interesse hervorzubringen fähig sind. Diese und andre nachtheilige Folgen, die wir damals berührten, und die freilich bei Verbindungen solcher Art gefürchtet werden können, werden bei der unsrigen vermieden werden. Und auch Du, meine Kar., wirst dadurch glücklicher werden, als Du jetzt bist, so glücklich, als wir uns fühlen seit dem Tage, da wir einander näher traten. Du hast ja ein so warmes inniges Gefühl, und ist nicht dieses Gefühl — das ich bei aller Kälte und Ruhe, mit der wir sprachen, in Deinem Auge durchschimmern sah, wie die Sonne durch einen dünngewobenen Nebel schimmert — ist es nicht der Stofs aller Glückseligkeit? Was hilft uns die Fähigkeit der
Kraft die Richtung zu geben — und ist Vernunft wohl mehr? —, wenn uns die Kraft selbst
gebricht? Du wirst glücklicher sein, denn Deine Liebe wird mehrere umfassen, der Gedanke von Dir geliebt zu sein mehrere beglücken, der stille aber wohlthütige Einfluß, den deine bescheidne anspruchlose Tugend, gleich einem belebenden Frühlingsodem um sich verbrertet, mehrere Dir ähnlich machen. Es ist wahr, es mißfiel Dir einiges in dem, was ich Dir vorlas, und ich glaube, Tu hattest recht. Allein das hat auch gar keinen eigentlichen Einfluß auf uns und unser Benehmen gehabt. Seelen, die sich lieben, und deren jede einzeln schon den Zweck vor Augen hat, der sie alle verbindet — was bedürfen die noch der Regeln und Vorschriften? —
Was macht unsre L.? Ach! Kar-, sie hat für mich in ihrem Wesen etwas unbeschreibliches, etwas namenloses. Bald reißt es sie über mich weg. daß ich nur anschauen kann und bewundern, und bald zieht es mich mit so unendlicher Liebe an sie an, daß es mir ist, als wäre ich Eins mit ihr. „Beinah dauert es mich," sagte mir der gute Beckers, „daß ich ihrer Seele die Falte gab!"
Nein, trefflicher Mann, danken muß dir L. dafür, und mit L. jeder, dem L. theuer ist. Soll
man denn ängstlich den gegenwärtigen Genuß berechnen, ängstlich jede Thräne zählen, die dem
i) Lina's Erzieher, Rudolf Zacharias Becker, lebte, nach einer kurzen Wirksamkeit am Philanthropinum in Dessau, seit 1784 in Gotha als Schriftsteller und Redacteur der „Deutschen Zeitung für die Jugend".