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Deutsche Rundschau.
Auge entquillt, und nicht auf die Bildung des Geistes sehn, der einst engelschön und engelrein zur Gemeinschaft mit gleichgestimmten Wesen dem Staube entschwebt? Ich habe ein paar herrliche Stunden bei Becker genossen. Es gefüllt mir so sehr an dem Mann das einfache ungekünstelte Betragen, der Eifer fürs Gute, der Blick aufs Ganze, den er bei jedem einzelnen Gegenstände faßt. Er sprach ziemlich vertraut mit mir über L. Er liebt sie sehr ....
Entweder während dieses Aufenthaltes bei Becker in Gotha oder noch vor der Abreise aus Erfurt ist ein Brief an Lina geschrieben, dessen Datum mit dem zweiten Bogen verloren gegangen ist, der aber wegen dessen, was Humboldt darin über sich selbst sagt, Mittheilung verdient:
VI.
„Verzeih, liebe L., wenn ich gestern Abend anders als sonst war, wenn ich mich dem inneren Gefühle der Schwermuth — die fast immer der Liebe Begleiterin ist — mehr als sonst überließ, wenn ich es mehr als sonst, in meinem Blick, meinen Reden, meinem ganzen Wesen zeigte. Ich sah Dich in dieser Stimmung, sah mehr als einmal Thränen in Deinem Auge — wie sollte dieser Anblick nicht sympathetisch auf mich wirken? Immer liegt es in meinem Jnnren da, das große starke Gefühl der Liebe, der Sehnsucht, aber selten lasse ich es ganz in mir emporsteigen. Ich lasse Thütigkeit des Handlens oder des Denkens darüber walten, und fliehe die Ausbrüche bloßer Empfindung. Aber dann gibt es Augenblicke, wo es lang Verhalten sich losreißt, wo es mein ganzes Wesen überströmt — und so war es gestern Abend. Dein Brief hat unendlich wohl- thätig auf mich gewirkt. Er war so lieb und gut, und jedes Wort hauchte mir so stark das Gefühl ein: Sie liebt mich, sie trägt mich! Ach! L., oft muß ich mir dies wiederholen, wenn ich fähig fein soll, Gutes zu wirken. Du glaubst nicht, welch Mißtrauen in mir herrscht, nicht auf andre, aber gegen mich selbst. Wie wenig gibt es der Augenblicke, wo ich mich wirklich geliebt glaube. Dann kenne ich nur eine Beruhigung, den Gedanken etwas gethan zu haben für die, von denen ich gern geliebt wäre. Aber diesen Gedanken, wie selten kann ich ihn haben. B(renna) ist durch mich glücklicher, ihr bin ich wohlthätig gewesen, das fühl ich, und sag es mir selbst mit einem inneren Stolze, Euch allen Hab ich vielleicht jetzt genützt, daß Kar. nun Euer ist. Aber war sie's nicht schon? wie wenig konnte ich dabei thun. Und für Dich, meine theure, herzige L., für Dich könnt ich noch gar nichts thun. kaum einen Tropfen Wassers Dir geben, den Du doch so oft bedarfst. Eben so gehts mir mit K(arl), mit J(ette). Jetzt wirst Du Dir erklären können, was es ist, was mich manchmal traurig macht. Und doch lasse ich jetzt diese Traurigkeit wenig aufkommen.
Auch Liebe ist Genuß, wenngleich der feinste, edelste, dauerndste aller Genüsse, und auf die Glückseligkeit, die genießt, that ich schon längst Verzicht. Tadle an mir diese Schüchternheit, dieses Mißtrauen, dies Zurückgezogeufseinj in mich selbst. Aber rechne es mir nicht zur Schuld an. Wenn Du mein Leben wüßtest, L., so manche Sceuen kenntest, die ich durchwandern mußte, klar und hell würde es Dir werden, wie ich nach diesen Scenen so sein mußte; tief würdest Du überzeugt werden, daß nicht wir es sind, die uns bilden, sondern die Kette der Umstände, deren erstes Glied der Vater des Alls hält.
Menschen, die mich liebten, aber mich nicht kannten, mich bilden wollten, aber die rechten Mittel verfehlten, hielten mich in unaufhörlicher Aufsicht. Keinen Augenblick ließen sie mich allein. Jede freiere Aeußerung des Charakters unterdrückten sie. Und die Früchte dieser unseligen Bemühungen in mir? — Verstellung, Tücke, Argwohn, Betrug. Schaudre vor Deinem W., meine L. Sein Studium war die feinste Verstellungskunst, seine Beschäftigung fortwährende Kabale und Jntrigue, er betrog, nicht um äußerer Vortheile willen, aber um betrügen zu lernen. Glaube nicht, daß Unmuth und Verdruß mich in diesem Augenblicke mich selbst aus einem falschen Gesichtspunkte ansehn läßt. Ich bin jetzt ruhig, aber einzeln könnte ich Dir, was ich sage, beweisen. Was wäre aus diesem Herzen — Du nennst es jetzt rein und einfach — aus diesem Herzen voll Ränke und Listen geworden, wenn nicht Liebe, wenngleich schwärmerische, nur auf eigner Täuschung beruhende Liebe, es mir wiedergegeben hätte, das Gefühl der sanften, unschuldsvollen, arglosen,