Heft 
(1891) 66
Seite
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Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.

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einfachen Güte, das die Natur vielleicht in mich gelegt, aber Menschenhand wieder zerstört hatte. Tie Täuschung jener Liebe verschwand nach und nach, aber ihre wohlthätige Wirkung blieb, und wuchs, und ward stärker. Wie man meinen Charakter unrichtig beurtheilte, so auch meinen Kopf und meine Kenntnisse. Jenen setzte man zu sehr herab, diese erhob man, weil man sie nie genau untersuchte. Wieviel mußte ich gegen die Eitelkeit kämpfen, die dadurch in mir entstand, wieviel kämpfe ich noch dagegen, wenn sie mich bald zur höchsten Idee von mir emporhebt, bald wieder zur tiefsten herabwirst. Denn immer sind in der physischen und in der moralischen Welt die Extreme an einander geknüpft ....

In seinem äußeren Befinden erfuhr Humboldt bald darauf einen ähnlichen, wenn auch nicht fo extremen Wechsel. So genußreich die ersten Tage des Jahres durch den Besuch in Erfurt und Rudolstadt gewesen waren, so wenig erfreulich waren ihm die nächsten Wochen und Monate. Auf die Erkältung, die er von der Reise mitgebracht hatte, folgte bald eine heftige, fieberhafte Krankheit, deren Folgen ihn, wie er noch am 4. April an Laroche schreibt, bis dahin nöthigten, sich zu schonen und selbst irgendwie anstrengende Briefe zu vermeiden. Zwar liegen uns aus dieser Zeit der Genesung zwei lange Schreiben vor, außer dem eben angeführten eins an Karoline von Beulwitz vom 20. März; doch behandeln beide hauptsächlich einen Gegenstand, der ihn schon seit November des vorher­gehenden Jahres beschäftigte und ihm jedenfalls ganz geläufig war, die Aenderung derRegeln" oderVorschriften" für den Freundschaftsbund. Der Gedanke dieser Aenderung war von Laroche angeregt worden, und Humboldt hatte ihn ausgegriffen, freilich in durchaus anderem Sinne, als der Urheber gemeint hatte, und war darin durch Karoline's Bedenken, die ganz mit seinen eigenen überein­stimmten, bestärkt worden. Die moralische Vervollkommnung, so ungefähr ist sein Gedankengang, wird gefördert durch enge Gemeinschaft mit anderen, durch Freundschaft und Liebe. Um das Zusammenfinden geeigneter Personen nicht dem Zufall zu überlassen, ist eine Verbindung nöthig, ebenso gefährlich und schädlich aber jeder Zwang, welcher die Freiheit des Individuums, sich nach seinen An­lagen zu entwickeln, beschränkt. Es sind deshalb alle Regeln und Vorschriften zu verwerfen, welche den Mitgliedern bindende Pflichten auferlegen, mit einziger Ausnahme derjenigen der Verschwiegenheit, welche Mißdeutungen von Seiten der Nichtverbündeten verhindern soll.Außerdem aber hat keiner irgend eine Pflicht gegen den andern. Niemand kann fordern, jeder muß verdienen. Was man thut, thut man aus Liebe, weil man will, weil man Freude, Seligkeit darin findet, nicht weil man muß, oder well der andere ein Recht hat." Es ist also kein Bundesmitglied gezwungen, dem andern unbedingtes Vertrauen zu schenken, Geheimnisse mitzutheilen, seinem Rathe zu folgen, und andererseits hin­dert ihn nichts, mit Außenstehenden in irgendwelches noch so nahes Verhältniß zu treten.Freilich sind nach diesem Plane die Bande der G sehr locker. Aber die Bande der G stehen mit den Banden der Freundschaft und Liebe unter uns gerade im umgekehrten Verhältniß. Nur wenn jene locker sind, können diese Festigkeit haben. Und die Liebe, mit der wir uns alle umfassen, muß uns doch heiliger sein, als die (D- Denn wir haben uns verbunden, weil wir uns lieben, und lieben uns nicht, weil wir verbunden sind."

Deutsche Rundschau. XVII, 5.

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