Heft 
(1891) 66
Seite
242
Einzelbild herunterladen

242

Deutsche Rundschau.

Es gehört der ganze Optimismus eines Wilhelm von Humboldt dazu, um zu glauben, daß sich aus diese Weise eine sörmliche Verbindung werde ausrecht erhalten lassen. Laroche lehnte es, wie kaum anders zu erwarten war, ab, aus dieser Grundlage neue Satzungen aufzustellen und beschloß, mit den Berliner Weibern" aus dem alten Fuße weiter zu leben. Humboldt selbst, mit anderen Arbeiten beschäftigt, trägt die Ausarbeitung der jüngst aufgenommenen Karoline an.Die Arbeit ist ja so weitläufig nicht, und Du hast Zeit und Muße. Deine Ideen über alle diese Gegenstände sind so bestimmt und klar, und außer­dem könntest Du glauben, daß Dein W. Dir schmeichelte? besitzest Du eine sehr große Kunst der Darstellung. Du schreibst mit Feuer und Lebhaftig­keit und doch verliert die Richtigkeit und Deutlichkeit Deines Raisonnements da­durch nichts; oft brauchst Du ein einziges Bild und die Idee steht klar und lebendig da. Schlage mir die Bitte nicht ab; es ist die erste, die ich an Dich thue ..." Karoline äußerte sich zustimmend, es ist aber nicht bekannt, ob sie den Auftrag wirklich ausgeführt hat. Es bedurfte dessen auch kaum noch, ebenso wenig wie ihres Verlangens, daß kein Mitglied neu ausgenommen oder daß wenigstens vor jedem neu aufgenommenen ihre Mitgliedschaft geheim gehalten werden sollte. Die Verbindung besaß nicht mehr Lebensfähigkeit genug, um sich auszubreiten. Die Tage der hochgehenden Empfindung in ihr waren vorüber, und es war nur natürlich, daß sie ganz einschlief, sobald die einzelnen Glieder mit ernsteren Dingen beschäftigt waren. Schon jetzt konnten die fortdauernden Versicherungen gegenseitiger Liebe die Thatsache nicht verdecken, daß man im Begriff war, in zwei kleinere Kreise auseinanderzugehen. Humboldt wenigstens fühlte sich entschieden mehr zu den beiden Karolinen hingezogen, und in jedem Briefe macht er Pläne, wie er sie im bevorstehenden Sommer wird sehen können. Inzwischen hatte er seinen Bruder Alexander, der seine Studien ebenfalls in Göttingen sortsetzen sollte, auf dem Umweg über Hannover in Braunschweig abgeholt. Auf diese Reise jedenfalls bezieht sich der Eingang des folgenden Briefes an Karoline von Beulwitz.

vn.

Den 4. Mai 1789.

Endlich kann ich meiner Kar. wieder schreiben, es war schon wieder eine lange Pause, ver­zeih sie mir. ich war indeß an mehreren Orten, an jedem nur wenige Tage, und so war ich zu zerstreut, als daß ich Muße zu einem Briefe au Dich gehabt hätte. Jetzt bin ich wieder in meiner alten Lage, und wenigstens heiter, wenn auch nicht gerade vergnügt. Ich verlor heute den vertrautesten meiner Freunde von hier, er reiste weg und wer weiß, wann ich ihn Wieder­sehen werde. Vor zwei Jahren hätte ich mich nicht ohne Thränen von ihm trennen, den ganzen Tag nicht ruhig, nicht heiter sein können; und nun, nun setzt' ich mich, als er kaum aus dem Zimmer war. wieder an meinen Schreibtisch, und arbeitete gleich ungestört, als immer. Ist sie gut diese Aenderung. liebe Kar.? Froher und glücklicher war ich freilich sonst oft, jeder Gegen­stand erfüllte mich so ganz, selbst bange und traurige Empfindungen ließen etwas Süßes in der Seele zurück; jetzt raisonnire ich weit öfter als ich empfinde, und wie verschwindet vor den Aus­sprüchen der ruhigeren Vernunft so manches schöne Bild, das heißes Gefühl und lebhafte Phan­tasie sich schufen. Und doch ist es so besser. Das wahre Glück muß nicht auf Täuschung beruhen und Täuschung ist doch bei jedem sehr hohen Grad der Empfindung, sondern auf festen, durch­dachten Ideen von Menschenbestimmung, Menschenvollkommenheit, auf dem Gefühl der innern Stärke sich zu diesem Ziele emporarbeiten zu wollen, auf dem Anschauen des Guten, das man