Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.
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um sich her wirkt. Wenn man unermüdet Ideen an Ideen reiht, alle mit allen verknüpft, alle aus allen Gesichtspunkten und doch nur immer zu Einem Zweck hin betrachtet, so erweitert sich der Blick des Geistes so bis in eine unabsehbare Ferne hin, so erhält die Seele ein so hohes und doch so wahres Bewußtsein ihrer Kraft, und wenn man nun die ganze Zahl der Ideen mit allen den mannigfaltigen Seiten, die man nur bei langsamer Prüfung daran entdecken konnte, wieder schnell durchläuft, wenn man versucht, Ursache und Wirkung, und wie immer die Wirkung wieder Ursache neuer Wirkungen wird, auf einmal zu denken, so bleibt die Phantasie kalt, aber das Herz wird erwärmt und die Folgen dieser Wärme wirken wohlthätig aufs ganze Leben. Daß ich diese Ideen, die in mir so lebhaft sind, in Dir so rege fand, das, Kar., knüpfte zuerst meine Seele an die Deine. Tu suchtest Dir jede Idee so deutlich zu machen, hütetest Dich so sehr auch von Deinen liebsten wonnevollsten Gefühlen nicht hintergangen zu werden, verbreitetest so eine schöne, milde Klarheit über alle Gegenstände, prüftest das Einzelne so genau, und stelltest es dann wieder zu einem so schönen Ganzen zusammen. Dabei hattest Du eben die Gesichtspunkte als ich, das einzige wahre Ziel menschlichen Strebens, die geistige Vollkommenheit, das innere Gleichgewicht der Neigungen, der unzertrennliche Zusammenhang der Ideen waren der einzige Maßstab, nach dem Du Werth und Glückseligkeit maßest. O! wie schön, wie herrlich wir das alles in uns ausbilden, wie viel gleiche Seiten wir noch finden, wie viele noch schaffen könnten, wenn wir diesen Sommer eine Zeit lang mit einander verlebten. Aber sieh! theure Kar., ich kann nicht, es ist mir schlechterdings unmöglich nach Lauchstädt zu gehn, es ist so weit, es stört mich auf solange Zeit, und ich habe noch nie so viel zu thun gehabt als jetzt, noch nie, wie jetzt, Arbeiten, die ich eben so sehr Andern als mir schuldig bin. Aber nach Burgörner komm ich, das geht aus vielen Gründen eher an. O! wenn Du da sein könntest. Denn seh ich Dich da nicht, so seh ich Dich erst im Herbst, und wie unermeßlich lange ist es noch bis dahin. Schreibt es mir nur, sobald ich nach B. kommen soll. Pfingsten wird's wohl nun nicht angehn. Oder soll ich kommen? Ich kann es sehr bequem. Nur fürchte ich, L. ist dann noch nicht da." —-
Diese letzte Befürchtung war begründet. Humboldt brachte deshalb die Psingsttage — sie fielen mit den ersten Tagen des Juni zusammen — in der Nähe von Göttingen auf dem Lande zu, während Alexander eine Harzreise machte. Das nähere Programm des Ausfluges nach Burgörner theilt er Karoline in einem Brief vom 20. Juni mit, in welchem er zum ersten Male durchblicken läßt, daß es ihm Bedürfniß ist, sich mit ihr über sein Verhältniß zu Lina auszusprechen.
VIII.
Zürne nicht, meine K(aroline), über meine zögernde Antwort. Ich hätte Dir früher meine Reiseplane nicht bestimmt genug sagen können, und das war doch ein vorzüglicher Zweck meines Briefs. Heilig, liebe K., verlaß ich Burgörner nicht ohne Dich gesehn zu haben. Ach! ich bedarf Deiner sehr, ich habe Dir über unsre Lieben manche Dinge zu sagen, die ich nur Dir sagen kann, und die ich nicht schreiben mag. Länger als vier Tage werde ich nicht bei L. bleiben können. Das liebe Mädchen muß mir schon verzeihn, meine Zeit ist zu beschränkt; es werden von zu mancherlei Seiten Forderungen an mich gemacht, und diese Forderungen auszuschlagen, das wird meine L. selbst nicht wollen, und das erlaubt meine Bestimmung nicht. Ich muß künftig handeln, K., mit Menschen leben und umgehn. Dazu muß ich Menschen kennen, und lernt man sie wohl kennen, so lange man nur in so entfernten Verbindungen mit ihnen bleibt? Ich mache keine Ansprüche auf die meisten andren Vorzüge, nicht auf Talente, Wissen, Gelehrsamkeit, aber gern möcht' ich Anspruch machen auf den Vorzug Mensch und gebildeter Mensch zu sein. Das wird man nur durch Nachdenken, Erfahrung, Umgang. — Morgen muß ich nach Hannover/) von wo ich aber in wenig Tagen zurückkomme. Den 4. Julius reis' ich von hier
0 Er traf dort mit Jacobi zusammen, welcher sich auf der Reife nach Pyrmont befand. (Vergl. I. G. Fvrster's Briefwechsel, Bd. II, S. 798.)