244
Deutsche Rundschau.
nach Burgörner ab, dann bin ich, wie ich gewiß hoffe, schon den 5. Nachmittags bei L. Den 6., 7., 8 ., 9. bleib ich da. Aber den 10. Morgens werd ich fort müssen. Doch denk ich auch den 10. noch Euch in L.'s Laube zu sehn. Ich hoffe, Ihr werdet mit diesem Plane zufrieden sein. Wenigstens zürnt nicht mir. Wenn Ihr wüßtet, wie mein Herz schlägt nach dem Augenblick Euch zu sehn, wie ich um Kraft zu haben, mir die Freude Euch länger zu genießen, versagen zu können, immer des Blickes auf unsre ganze Dauer, auf die Früchte des Genusses, die aus deren Entbehren hervorkeimen, bedarf, o! dann zürnt Ihr Eurem W. gewiß nicht. Und mein Blick loll es Dir sagen, theure geliebte K., im ersten Augenblicke unsres Wiedersehens Dir sagen, wie lang und herzlich dieser Augenblick ersehnt war. Wir haben uns viel, viel zu sagen, K., vieleicht, vielleicht kannst Du einst im ganzen Verstände des Worts das Glück meines Lebens machen. — Doch davon wenn ich Dich sehe, in L.'s Laube, in der Laube, wo ich den ersten Kuß von ihren Lippen empfing. — Heute ist hier ein Professor Reinhardt aus Erfurt angekommen. Wie er mir sagte, so reist L. erst den 23. Junius nach Burgörner. Wenn nur in dem Plan nichts geändert wird, und ich vielleicht Euch noch nicht finde. Aber Ihr würdet mir ja die Aendrung melden, so lange folg ich ganz Deinem Brief. Ich reise noch diese Macht fort, theure K-, und habe noch ein paar Briefe zu schreiben. Verzeih also, wenn ich bald schließe. Nur Ein Wort über etwas aus Deinem vorletzten Briefe. — Ich bin nicht Freimaurer, K. Nur die lebhafte Einbildungskraft der Förster, die zu oft mehr dichtet als sieht, hat mich dazu gemacht. Ich wäre es vielleicht geworden, und meine Familie wünschte es sogar; aber theils hielten mich die Gründe ab, die Du in Deinem Briefe anführst, theils die Betrachtung, daß es leicht scheinen könnte bei der jetzigen Lage der Sachen in Berlin^), als wollt ich mich dadurch schneller emporheben; und ich mag lieber in meinem ganzen Leben nichts sein, als irgend etwas durch solch ein Mittel. — Nun leb wohl, liebe liebe K. Grüße tausendmal unsere arme gute L. Sag ihr, vor meinem Bruder sollte sie ganz ruhig sein. Ich würde mich schon hüten ihn mitzubringen. Bringst Du aber nicht Lotten mit? — Lebt wohl! Bald bald umarmt Euch Euer W. O! fühltet Jhr's ganz, wie unaussprechlich mein Herz Euch liebt. W.
Wie sich aus Schiller's Briefwechsel mit Lotte und Karoline ergibt ver
schob sich wenigstens der Termin der Rückreise doch noch um einige Tage. Am 10. Juli kamen die Schwestern erst durch Jena, und als sie am 12. Abends in Burgörner anlangten, um die Freundin von da zum gemeinsamen Aufenthalt in Lauchstädt abzuholen, fanden sie Humboldt und Laroche vor, welche mindestens noch bis zum folgenden Tage blieben. Karoline, welche an Schiller von den drolligen Semen schreibt, die da vorkamen, wenn einer den alten geschwätzigen Vater unterhalten mußte, damit die anderen ein vernünftiges Wort zusammen sprechen konnten, nennt merkwürdigerweise Humboldt Schiller gegenüber auch jetzt noch nicht: „Laroche und ein Freund von ihm, der weit mehr ist, als er, waren hier." Es geschah aber jedenfalls in Lauchstädt oder Leipzig, wo Schiller mit den Schwestern zusammentras und wo sich unter Karoline's Vermittelung seine Verlobung mit Lotte entschied. Von da an erscheint Wilhelm von Hum- boldt's Name öfter in dem Briefwechsel, und Schiller interessirt sich für ihn und sein Verhältniß zu Karoline von Dacheröden, die er ebenfalls in Lauchstädt kennen gelernt hatte.
1) Hier war der als Urheber des Retigionsedicts berüchtigte Minister Wöllner Obermeister der Loge zu den drei Weltkugeln, die er für seinen rosenkreuzerischen Mysticismus zu benutzen suchte. Humboldt wollte auch den Schein vermeiden, als beabsichtige er durch diese Verbindung vorwärts zu kommen.
2) Fielitz. Bd. I, S. 308 ff.