Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.
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Humboldt war unterdessen bereits am 19. Juli in Holzminden mit seinem ehemaligen Lehrer Campe zusammengetroffen, welcher sich in aller Eile zu einer Reise nach Paris aufgemacht hatte, „um noch dem Leichenbegängniß des französischen Despotismus beizuwohnen." Der Aufforderung, sich ihm anzuschließen, war Humboldt, der in seinem Briefe vom 20. Juni noch nichts davon andeutet, Wohl mit eben so raschem Entschlüsse gefolgt, wenn auch sicherlich nicht aus demselben Beweggründe. Campe's naive Bewunderung für Alles, was damals in Frankreich und speciell in Paris geschah, theilte er keinesfalls. Zwar zählte auch er die Freiheit zu den unerläßlichen Bedingungen menschenwürdigen Daseins, aber in dem, was er in Paris sah, fand er trotz aller „Menschenrechte" schwerlich sein Ideal, die Freiheit der Persönlichkeit sich ungehemmt zu entwickeln. So verhältnißmäßig ruhig auch gerade die Augusttage waren, in denen die Reisenden dort verweilten, konnte es ihm doch nicht entgehen, daß unter den anarchischen Zuständen, die factisch bestanden, die Persönlichkeit dem ärgsten Zwang unterlag. Für das „freie Volk" aber, welches Campe zu immer erneuten Ausdrücken der Bewunderung veranlaßt, hatte er gar keinen Sinn. Es ist sehr zu bedauern, daß von seinen Briefen aus Paris sich anscheinend keiner erhalten hat, aber was er acht Wochen später über den dortigen Aufenthalt schreibt, läßt wenigstens vermuthen, wie wenig ihn die ganze revolutionäre Bewegung, sei es im freundlichen oder feindlichen Sinn, interessirte, und wie stark schon damals jener epikureische Zug — so hat man es mit Recht genannt — in ihm war, welcher ihn nachher veranlaßte, sich von allen Staatsgeschästen zurückzuziehen und ganz seinen Neigungen zu leben. Wie viel Wähler, als in dem Getriebe von Paris, wo er keinen Menschen wirklich kennen lernte, war ihm darauf beim regen Gedankenaustausch mit Försters in Mainz, und auf der Fortsetzung seiner Reise über Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Tübingen nach der Schweiz, wo er überall die „interessanten" Persönlichkeiten aufsuchte. Unter diesen beschäftigt ahn auch in anderen gleichzeitigen Briefen, an Förster und an die Berliner Freundinnen, am meisten Lavater, doch fällt Karoline von Beulwitz gegenüber, welche diesen selbst kannte und verehrte, sein Urtheil über ihn etwas weniger fchars aus.
ix.
Bern, 26. October 1789.
Wie jo lange ist es schon, daß Ihr nichts von mir hörtet'. Aber zürnt mir darum nicht, liebe gute Schwestern. Ich bin wie abgeschnitten von Euch, von allem was Euch betrifft. Denn denkt nur, seit wir uns in Burgörner trennten, sah ich schlechterdings nicht Eine Zeile von Euch. Und doch habt Ihr mir wahrscheinlich geschrieben. Denn aus einem Briefe meines Bruders seh ich, daß er mir einen Brief, den er von Deiner Hand, liebe L. — ich hatte ihm eine Adresse von Dir zurückgelassen — glaubte, nach Paris nachgeschickt hat, und unglücklicherweise hat er mich nicht mehr da getroffen. Ich habe gleich nach Paris geschrieben, aber noch nichts erhalten. Sogar wäre es möglich, daß Du, theure Kar., mir Adressen für die Schweiz geschickt hättest. Doch auch die Hab ich nicht. Tenn nothwendiger Ursachen willen mußte ich meinen Reiseplan ändern, und statt über Basel in die Schweiz zu gehn, meinen Weg über Schaffhausen nehmen. So kann Dein Brief in Neufchatel oder gar in Mainz liegen. Wie sehr mich das alles quält, kann ich Euch nicht beschreiben. Meine einzige Hoffnung ist nur, selbst bald bei Euch zu sein.
Von meinem Aufenthalte in Paris sagte ich Euch ja wohl schon in meinem vorigen Briese ein paar Worte; und mehr ist auch davon nicht zu sagen. Aus mehreren Gründen, worunter