Heft 
(1891) 66
Seite
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Deutsche Rundschau.

aber meine Reisegesellschaft Campe, mit dem ich Ursache habe gar sehr unzufrieden zu sein die vornehmste war, machte ich so gut als gar keine Bekanntschaft, und was läßt sich dann In­teressantes von einem Ort sagen. Ich bewundre nur Campe's fruchtbares Genie, wie der aus seinem Straßen- und Kirchenbesehn eine Reisebeschreibung machen will. Desto schöner aber war meine Reise, sobald ich wieder ohne jene beschwerliche Begleitung war. Gerade von Paris ging ich nach Mainz und brachte beinah drei Wochen bei Försters im Hause zu. Es war mir eine sehr glückliche Zeit. Ihr wißt wie freundschaftlich und zum Theil wie vertraut die gute Förstern mit mir ist; und er ist es im höchsten unter Männern denkbaren Grade. Was mich aber vor­züglich freute, war, diese vortrefflichen Menschen so glücklich mit einander leben zu sehn. Denn wie finster und schwermüthig hie und da auch die Briefe der Förstern sind, so ist das doch nur auf Augenblicke, im Ganzen ist sie sehr glücklich, llnd wie könnte sie es auch nicht sein? Sie ist ihrem Mann außerordentlich gut, er liebt sie über Alles, und sie muß es jeden Augenblick sehn, daß sie ihn und ihr Kind glücklicher macht, als sie unter jeden andren nur denkbaren Um­ständen sein könnten. Mehr als alles Andre beschäftigt sie die Erziehung ihres Kindes, und die ganze Thätigkeit ihres so lebhaften, rastlosen Geistes wird durch die Sorge dafür und für ihr übriges Hauswesen erschöpft.

Nach Mainz war Zürich mir am interessantesten. Auch da lebte ich meistentheils in einer sehr frohen glücklichen Familie, bei Hottingers *). Es sind vortreffliche Menschen und man muß unter ihnen heiter und ruhig werden. Lavater sah ich beinah täglich. Ich war von Jacobi an ihn adressirt. Schon vorher schätzte ich wirklich seinen tiefen, wenn auch vielleicht manchmal schwärmerisch über das Gebiet des Wahren hinaus schweifenden Geist, der seine Unterredungen oft so über Alles interessant macht. Um seinen Charakter recht lieb zu gewinnen, muß man in der That eine Zeit lang mit ihm leben. Wer wird dann nicht gern auch manche kleine Schwach­heit verzeihn. Seine Stube wurde mir gleich beim ersten Eintritt durch Deinen Namen inter­essant, liebe Kar. Er hat in seinem Bücherbrett leere Futterale für die vertrautesten seiner Freunde, auf deren Rücken ihre Namen stehn, und in die er das legt, was er für sie bestimmt. So eins fand ich auch für Dich. Ich bringe Dir einen Brief und einige Papiere von ihm mit. Auch Füßli^) wollte mir etwas für Dich schicken. Er hat's aber nicht gethan. Außer diesen sprach ich keinen, der Dich genauer gekannt zu haben schien.

Hier bin ich im Grunde erst einen Tag. Denn ich brachte acht Tage im Lauterbrunner, Grindelwalder und Haßlithal zu. Dies einsame Leben in dieser so unbeschreiblich großen, schönen, wenn auch oft rauhen und wilden Natur that meiner Seele nach so vielen Zerstreuungen unendlich wohl. Die Erinnerung an die Stunden der Liebe, die ich mit Euch genoß, waren mir da noch einmal so süß, und die Ahndung künftiger mehr dauernder, ungestörterer Wonne däm­merte da noch einmal so schön in mir auf!

Ob ich von hier noch nach Lausanne und Genf oder gleich über Neufchatel nach Basel gehe, weiß ich selbst noch nicht gewiß. Dein Mann, Kar., hör ich, soll in Genf sein. Es versteht sich von selbst, daß ich ihn besuche, wenn ich hinkomme. Ich wünschte ihn sehr einmal länger und allein zu sehn. Ich sah ihn voriges Jahr nur zu kurze Zeit, und doch machte das, was ich an ihm bemerkte, den Wunsch genauerer Bekanntschaft sehr in mir rege.

Wie lebtet Ihr denn in Lauchstädt und nachher, was machst Du, gute inniggeliebte L. Gott wie ich mich sehne, wieder einen Brief von Euch zu sehn. Aber in höchstens anderthalb Monaten bin ich selbst bei Euch. Lebt so lange wohl, seid heiter, seid glücklich im Angedenken an die Stunden, wo es uns vergönnt war, mit einander zu sein. Bald, bald kommen sie wieder.

Ewig Euer W.

1) Johann Jakob Hottinger war Professor der Philologie und Schüler Hehne's, durch den Humboldt wohl an ihn empfohlen war.

2) Johann Heinrich Füßli war als Historiker, Politiker und nach vielen anderen Richtungen hin in Zürich thätig. Karoline hatte ihn wie Lavater im Jahre 1783 kennen gelernt, als sie sich mit Mutter und Schwester eine Zeitlang in der Schweiz aufhielt.