Heft 
(1891) 66
Seite
247
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Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.

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Ich habe Dir noch ein paar Worte allein zu sagen, liebe Kar., die ich L. nicht gern lesen lassen möchte. Du weißt, was uns am meisten bei unsrer letzten Zusammenkunst in Burgörner beschäftigte, was am häufigsten Inhalt untrer Gespräche war. O! L.'s Glück ist uns allen zu werth, als daß nicht dies allein alle Stunden unsrer ungestörten Zusammenkünfte erschöpft hätte. Ja von L.'s Glück redeten wir, und da K(arl) und Du die Idee gefaßt haben, daß L. mit mir glück­lich fein könnte, von einer Verbindung mit ihr und mir. Ich versprach damals, Dir darüber zu schreiben, aber ich sah die Lagen nicht voraus, in die ich kommen würde. Ich trieb mich indeß immer mit fremden Menschen, an fremden Orten umher, und so war ich zu zerstreut. Nicht meine Gefühle waren zerstreut, o nein, nie, theure inniggeliebte Kar-, nie fühle ich stärker, was Eure Liebe mir ist, als wenn ich, wie man doch immer auf Reisen es muß, jede herzlichere Em­pfindung von andren entbehre. Aber es kommt hier nicht bloß auf Gefühle an, nein, auf reife Ueberlegung, auf kaltes, ruhiges Ueberrechnen der Folgen des Schrittes, den wir thun, und dazu fühlte ich mich nicht gestimmt.

Was L. und ich einander sind, weißt Du. Du kennst uns beide und sahst uns mit ein­ander, und was noch mehr ist, sahst auch K. mit uns. Du sahst L., wenn sie mit mir, wenn sie mit K. allein gewesen war. Du mußt es wissen, mußt es gesehen haben, daß nicht eigentlich Liebe L. an mich und mich an sie knüpft. Du verstehst mich, was ich meine, und so gerathe ich gewiß nicht in Gefahr, vor Dir zu erscheinen, als entweihte ich Gefühle, die mir ewig heilig sein werden, als wäre ich undankbar genug, nicht zu fühlen, wie viel die gute liebe L. für mich empfindet. Aber nicht genug, daß L. mich nicht liebt, so bin ich noch immer so ungewiß, ob sie nicht dies nun für K. empfindet. Lurch die sonderbaren Ideen ich darf ganz offenherzig gegen Dich sein. Du verstehst mich und kennst mein Herz, die K. durch die (-) verbreitet hatte, kann L. selbst sich getäuscht haben. K. suchte immer und wähnte bei sich Liebe, eigentliche Liebe für zwei Gegenstände zugleich zu empfinden. So beruhigte er J(ette), so L., wenn die eine oder die andre nur Mitleid, nur Theilnahme für sich in ihm zu sehen glaubte, und zu edel war, rhu durch diese Gefühle leiden zu sehn. Ich hielt dies immer für eine süße Schwärmerei, zu der K.'n die Fülle seines Gefühls leicht verleiten kann; es schmerzte mich, daß er eben die Ideen auch in uns herrschend wachen wollte ; ich fühlte es zu deutlich, daß ich Freundschaft, innige Zärtlich­keit für Euch alle empfinden. Euch Alles aufopfern, aber lieben nur Eine oder gar keine könnte. Auch Hab' ich das nie verleugnet. Ich habe I. einmal geliebt, ich Hab' es offenherzig gesagt, aber gewiß hast Du, hat L., hat B(renna) selbst die, wie ich doch nur mit zu vieler Wahr­scheinlichkeit fürchte, und fürchte, weil sie weniger glücklich dabei sein wird, mich liebt nie sich in meinen Gefühlen für sich täuschen können. Aber darin war ich vielleicht schuldig, daß ich jenen ich kann sie nicht anders nennen, auch soll der Name sie nicht entweihen schwärme­rischen Ideen nachgab, daß ich mit tausend erkünstelten Sophismen bald I., bald L. beruhigte.

Ich wußte es sehr gut, daß K. Liebe nur für L. fühlt, und daß er sich selbst in seinen Empfin­

dungen für I. täuscht. Sieh, Kar., ich habe mich nie hierüber öffnen mögen, aber das hat gewiß die T geschadet, und darum müssen wir daran arbeiten, alle Ideen, die damit Zusammenhängen, zu vernichten. O! es ist nur Glückseligkeit, wo Wahrheit und Freiheit ist. L. fühlt das gewiß ebenso innig als ich, und wenn sie es auch nicht fühlte, so ehr ich ihren Geist zu sehr, um nicht über­zeugt zu sein, daß ihr Verstand es einsehn würde. Aber L. ist so gut, sie folgt so leicht den

Eindrücken, die sie empfängt, sie sah gewiß nie die T mit andren Augen an als jetzt, und doch ging sie sie ein, aus Liebe zu ihrem K-, wie ich aus Liebe zu I. Vielleicht glaubt die gute sanfte Seele mir für meine Gefühle Liebe schuldig zu sein, vielleicht täuscht sie sich selbst, vielleicht geht sie eine Verbindung mit mir nur ein, um mich glücklich zu machen, vielleicht aber ich mag nicht weiter gehn, schon das wäre zu viel. Sieh Kar., darum käme mir Alles darauf an, zu wissen, wie L. eigentlich über diesen Plan denkt, und das, das nur möchte ich von Dir wissen, aber so viel möglich mit L.'s eignen Worten wissen. Was sie mir einmal sagte, bleibt mir ewig un­vergeßlich. Ich sagte ihr:ich wäre doch nicht gern Tein geworden, wenn einmal der Fall ge­kommen wäre, daß Du hättest K.'s werden können!"Nein," sagte sie mit vieler Wärme,auch ich hätt' es nicht gern gethan." Wieder aber, als ich in Burgörner war, schien es mir oft, als läge die Idee in ihr, aber so wie eine Idee in unsrer Seele liegt, zu der nicht Neigung uns führt, aber in die wir uns ergeben wie in Fügungen unvermeidlichen Schicksals. Ihr Blick, ihre Umarmungen hatten so etwas gehaltnes, wehmüthiges, aus weit hin empfindendes wie