Heft 
(1891) 66
Seite
264
Einzelbild herunterladen

264

Deutsche Rundschau.

Der Weg dorthin führt von der Tuarikstadt Ghat, die von Murzuk in längstens vierzehn Tagen, von Tripolis in etwa einem Monat erreicht wird, durch das Tuarikland Air in etwa zwei Monaten nach der im Osten der Haussastaaten gelegenen großen Handelsstadt Kano. Ghat war, wie Murzuk, seit langer Zeit ein Hauptstapelplatz für die aus dem Sudan kommenden Sklaven, die von hier aus über den nördlichen Theil der Sahara und die nordafrikanischen Küsten­länder vertheilt wurden. Besonders seit der Sklavenhandel in den Ländern der Mittelmeerküste verboten wurde, endigten die mittelsaharischen Sklavenkarawanen eigentlich in diesen beiden Städten, von denen aus ihre Menschenwaare dann in kleinen Partien versandt und heimlich auch in die Küstenstädte gebracht wurde. Als es mehr und mehr gelang, den Sklavenhändlern auch in Murzuk das Hand­werk zu legen, behielt Ghat noch eine Zeitlang seine Bedeutung in dieser Be­ziehung, doch seitdem diese Stadt von den Türken besetzt gehalten ist, wird auch dort dem Menschenhandel gesteuert.

Ghat ist durch den Reichthum der umwohnenden Tuarik an Kameelen und seinen ausgedehnten Dattelpflanzungen eine schätzbare Reisestation. Weiterhin bietet auch das Gebirgsland Air durch seinen Wasserreichthum und seine Kameel- weiden die günstigsten Reisebedingungen. Freilich sind die Karawanen ganz in den Händen der stolzen, gewaltthätigen, Araber und Fremde verachtenden Tuarik, und wenn auch diejenigen Abtheilungen derselben, welche die Gegend von Ghat und Air bewohnen, einigermaßen für die Sicherheit des Verkehrs sorgen, so sind doch die im Süden der letztgenannten Landschaft herumschweifenden Tuarikhorden nur allzu sehr zu gewaltthätigen Ausschreitungen gegen die Karawanen geneigt.

Die sich zwischen Bornu und dem Niger ausdehnenden Haussastaaten bilden unter allen Sudanländern Wohl das ergiebigste Reiseziel für die nordischen Kauf­leute. Dieselben setzen sich aus einer Anzahl lose zusammenhängender Reiche (Gando, Sokoto, Jacoba-oder Bautschi, Keffi, Saria, Kano, Nyse, Adamaua) zusammen, haben eine verhältnißmäßig dichte Bevölkerung (zehn bis fünfzehn Millionen) und zahlreiche, ansehnliche und weit und breit berühmte Handels­plätze, unter denen Kano, Sokoto, Nyse, Jacoba, Jllori die bekanntesten sind. Mit Ausnahme von Adamaua haben alle eine hochentwickelte Industrie und liefern für einen großen Theil des Sudan ausgezeichnete Baumwollengewebe, die auf das Kunstvollste gestickt und verziert werden, selbst gegerbtes und gefärbtes Ziegenleder und geschmackvolle Arbeiten aus demselben, unübertroffene Wasser­schläuche aus Ziegenhäuten, die ebenso gesucht sind auf den sudanischen Märkten als bei den Saharabewohnern und in den nordischen Küstenstädten, weitberühmte Sandalen von großer Schönheit und die zierlichsten Matten- und Korbflechtereien. Für die Ausfuhr nach Norden kommen freilich auch hier nur die oft genannten Erzeugnisse in Betracht, unter denen die Straußsedern auf dem Gebiete zwischen Wüste und Sudan, und Elephantenzähne noch in großer Menge in Adamaua gewonnen werden. Leider sind fast alle industriellen Erzeugnisse dieser geschickten Leute nicht werthvoll genug, um die Kosten des Wüstentransportes einzubringen, andernfalls würde sich das Handelsinteresse Europa's diesen Landschaften mit ganz anderem Eifer zuwenden. Unter den Werthmessern sind von allgemeiner Gültigkeit der österreichische Maria-Theresien- oder der spanische Colonnatenthaler,