Heft 
(1891) 66
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Die Verkehrs- und Handelsverhältnisfe Nordafrikas.

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rmd als Scheidemünze die Kaurimuscheln; doch gelten auch anstatt jener Stücke englischen oder amerikanischen Baumwollengewebes und anstatt dieser die landes­üblichen Baumwollenstreifen, sowie Papier, Korallen, Nadeln u. dgl.

Der letzte der von Tripolitanien ausgehenden Gruppe von Handelswegen hat seinen eigentlichen Ausgangspunkt in Ghadames, dessen Einwohner insgesammt große Handelsreisende sind. Dieselben nehmen ihren Waarenvorrath in Tripolis ein und begeben sich entweder nach Süden über Ghat und Air nach Kano und anderen Verkehrscentren der Haussastaaten oder quer durch die Tuarikländer nach Timbuktu, eine Reise, die nur etwa zwei Monate in Anspruch nimmt, oder durch die algerische Wüste nach der großen Oase Tuat, die nach etwa einem Monat erreicht wird und ebenfalls mit Timbuktu in Handelsverkehr steht. Auch nach Bornu reisen noch hin und wieder Ghadamesen über Murzuk, Pflegen jedoch ihre Reisen nach Osten nicht weiter auszudehnen. Während früher lebhaftere Be­ziehungen derselben zu Algerien und Tunis unterhalten wurden, bestehen jetzt nur noch spärliche Verbindungen mit der Provinz Constantine über die Wüsten­landschaft Es-Suf und von dem einst ausgedehnten Verkehr mit dem tunesischen Dattellande (Blaed ed-Dscherid) sind kaum noch Spuren übrig geblieben. An mehreren der angeführten Reiseziele unterhalten die Ghadamesen Geschäfts- theilhaber oder Waarenniederlagen, und sie selbst eignen sich in hervorragender Weise durch ihr ernstes, festes Wesen und ihre geschäftliche Klugheit zu diesen mannigfachen und weiten Unternehmungen und zum Verkehr mit den verschiedensten Völkern. Besonders erleichtert werden ihnen die langen Reisen in der westlichen Sahara durch ihre Stammverwandtschast mit den Tuarik, denen sie nicht allein von den in Tripolis entnommenen europäischen Maaren, von tunesischen, algerischen und tripolitanischen Jndustrieerzeugnissen (Decken, Umschlagetücher, Mützen, Schuhe rc.), sondern auch von den sudanischen Producten (Wasserschlänche, Leder- waaren, Korb- und Mattenslechtereien, Baumwollengewänder) ihren Bedarf zu- sühren.

IV.

Wie Tripolitanien durch seine Lage zum Hauptausgangspunkte des trans- saharischen Handels geworden ist, so liegt Tunesien gegenüber Sicilien und Sardinien und an dem großen Seewege von Westeuropa nach Indien und Hinter­asien sehr günstig für den Handel mit Europa. Das Ländchen hat eine sehr ausgedehnte Küstenentwicklung, einen bewaldeten, wohlbewässerten gebirgigen Nord­westen, ist reich an fruchtbaren Thälern und Ebenen, und die Natur hat es mit vielbegehrten Naturproducten ziemlich reichlich ausgestattet. Die Bevölkerung, welche ungefähr zwei Millionen Seelen beträgt, ist gut geartet, wohlwollend, fleißig und geschickt. Sie ist hauptsächlich auf den Ackerbau angewiesen, der zwar in manchen Jahren der nöthigen Regensälle entbehrt, aber durchschnittlich eine ansehnliche, auch dem Außenhandel dienende Menge Getreide (Weizen und Gerste), Oliven, Südfrüchte u. s. w. hervorbringt. Die großen Ebenen im Centrum und im Süden der Regentschaft sind Weideplätze der Kameele, Schafe und Pferde zahlreicher Nomadenstämme, doch ist die einst so berühmte Zucht der letztgenannten Thiere seit lange in traurigem Rückgänge begriffen. Zahlreiche